Enzyklothek
Cover für Encyklopädie für die weibliche Jugend

Wutka, Antonie

Encyklopädie für die weibliche Jugend

12 Bände
Praha; Widtmann 1815-1816

Sprache

  • deutsch

Normdaten (Autor/in)

Literaturhinweise

Bandeinteilung

Die Encyklopädie enthält alles, was ein Mädchen (von welchem Stand es auch sey) theils nothwendig wissen muß, theils auch nur zur Verzierung wissen soll.

"Vorrede.
So viele verdienstvolle Männer auch in dem letzten Viertheile des vorigen Jahrhunderts an dem großen Werke der menschlichen Geistesbildung gearbeitet, so reichlich sie uns mit Erziehungsschriften jeder Art auch beschenkt haben, und so sehr sich mancher Menschenfreund bemühte, durch persönliche Verwendung in diesem Fache Nutzen zu schaffen, daß man vielleicht mit Recht behaupten könnte, seit dem die Menschen in großen Gesellschaften beysammen leben, sey niemahls so viel für die Bildung der Jugend gethan worden, als in unserem Zeitalter, so entspricht doch die Wirkung davon weder den guten Anstalten, noch der aufrichtigen Bemühung. Allgemein tönt die Klage über Sittenverderbniß, über die Zügellosigkeit der Jugend; nie hat man so viele mißrathene Ehen, so viele entzweyte Familien, so widernatürlich handelnde Ältern und Kinder, so durchaus verzogene Mädchen und Jünglinge gesehen, als jetzt. Gesundheit, Ehre und Vermögen werden ein Raub jugendlicher Thorheiten; Vaterlandsliebe und Gehorsam gegen die Gesetze, Religion und Menschenliebe, Eintracht und häuslicher Friede, und, ach, daß ich es sagen muß, Sittlichkeit, Rechtschaffenheit und Tugend sind aus unserer Mitte verschwunden. Ein fürchterlicher Leichtsinn hat die, Grundfesten des Menschenglückes bereits erschüttert, und den Platz unserer ehemahligen so schönen Deutschen Nationaltugenden bezogen. Dieß sollte denn doch endlich genug seyn, uns aufmerksam zu machen!
Meine Freunde! meine Deutschen Brüder! vergönnt es einem Weibe, euch die Grundursachen dieses Übels aufzudecken, weil es fühlt, daß die Quelle davon in seinem Geschlechte liegt. Ja, meine Freunde, es ist alles unternommen worden, was zur Ausbildung der Jugend überhaupt geschehen konnte; nur die eine Hälfte des Menschengeschlechts, mein Geschlecht, ist gelegentlich als Nebensache mit eingeschlossen, aber nie als Hauptsache behandelt worden; und — da liegt der Fehler, — ach, des Weibes, der Mutter Pflichten gehen in das Unendliche! ihre Erfüllung ist allbeglückend, ihre Vernachläßigung — des Staates gewisses Verderben. Und was auch, nach dem jetzt herrschenden Geschmacke, dawider eingewendet werden kann, so bleibt es doch ewig wahr, daß in des Weibes schwache Hand des Mannes Wohl gelegt worden ist; denn unter einem weiblichen Herzen empfängt ja der künftige Mann Daseyn und Leben ! auf die Mutter kommt es an, ob dieses Leben gesund, ob der Körper wohlgebildet seyn soll. An ihrer Brust saugt er Kraft zum Wachsthume, unter ihren pflegendem Händen gedeiht die zarte Pflanze, und auf der Mutter Geist kommt es an, welche Bildung des Kindes Geist erhalten soll. Ihre Leidenschaften gehen unaufhaltsam in das Kind hinüber; sie theilen, sich ihm mit ihrem Blute mit, und es saugt sie mit ihrer Milch. Nur aus der guten, vernünftigen Mutterhand empfängt der redliche Lehrer die folgsamen, unverdorbenen Schüler; aber auch da noch wacht sie, wie ein treuer Schutzgeist, durch Aufmunterung, Zurechtweisung und weise Zärtlichkeit über den Knaben, bis das Jünglingsalter ihn endlich zu weit von ihr entfernt, und er an ein anderes weibliches Geschöpf, an die blühende Jungfrau, hingezogen wird. In einer neuen Sphäre schwebt er nun, ein unstätes
Wesen, ein schwankendes Rohr, ein Feuerball! — In diesem fürchterlichen, für, das Glück seines ganzen Lebens entscheidenden Augenblicke legt, die Natur sein Schicksal abermahl in weibliche Hände. An dem Busen der tugendhaften Geliebten reift er heran zum Herrn der Schöpfung. Sie faßt die Zügel, dem raschen Blute, den tobenden Leidenschaften Einhalt zu thun. Sie benimmt dem rauhen Mannscharakter das überflüssige Herbe, sie weckt seinen Muth, und leitet ihn die rechte Bahn, sie öffnet ihm das Herz zu sanften Empfindungen, und weil ihr der feste, redliche, tugendhafte Mann gefallen kann, so wird er Alles, um ihr zu gefallen. An ihrem Herzen lernt er, sich in häusliche Verhältnisse hinein träumen, und ihr Besitz wird sein höchstes Gut. Nichts wird ihm zu schwer, um sie zu erringen; kein Opfer ist zu groß, er bringt es, und fühlt sich belohnt dafür in ihrem Besitze.
Nun ist er Mann, Gatte, Staatsbürger. Tausendfache Pflichten, tausendfache Sorgen legen diese Eigenschaften ihm auf. Des Lebens heißer Sommer ist da — mit ihm die drückende Hitze der Sorgen, die oft so zerstörenden Stürme der Cabalen, des verkannten Diensteifers.
Wer trägt mit ihm des Tages Last? an wessen Busen verbirgt er sich? wer muntert ihn auf? welche tröstende Hand wischt freundlich den Angstschweiß schwerer Arbeiten von seiner Stirne? — Wer anders, als die freundliche Gattinn? wieder ein Weib!
Denkt euch nun den Mann als Greis, abgespannt, hingegeben alle seine Kräfte im Dienste des Vaterlandes, in der Sorge für die Seinigen ! wer trägt nun wieder duldend seine Schwächen? wer wacht nun an seinem Lager, und pfleget liebevoll den Schmachtenden? wer erheitert ihm des Alters lange Winternacht? wer versüßt ihm sogar des Todes Bitterkeit? — Wer anders, als die treue Gefährtin seiner Pilgerreise? auch am Ausgange sieht sie ihm getreu zur Seite. Und so dankt der Mann, von dem ersten Augenblicke seiner Entstehung an bis zum letzten Hauche seines Lebens, alles Gute, so er genoß, einem weiblichen Herzen.
Das ist des Weibes große, schöne Bestimmung! dazu soll es gebildet werden. Man wird mir antworten: ob nicht das Revisionswerk vorhanden wäre, worin die Mutter, von Entstehung ihres Kindes an bis zu dessen Abgabe als Staatsbürger oder Hausmutter, alles fände, was an Belehrungen, Anweisungen und Vorschriften nöthig seyn könnte? Ob es überdieß nicht Bücher genug zur Ausbildung jeder Mädchenclasse gäbe? — O meine Freunde! ich wage viel, diese Voraussetzung mit einem Rein zu beantworten. Aber ihr werdet mir verzeihen, wenn ich euch überzeuge, daß nicht weiblicher Eigensinn diese Antwort gibt. Der herzliche Antheil an dem traurigen Schicksale so vieler verdienstvoller Männer, die ich kenne, brachte mich dahin, der Quelle des Übels nachzuspüren.
Meine Einsamkeit gab mir Zeit, alles zu lesen, was in diesem Fache an guten Schriften heraus kam. Aber vergebens suchte ich nach einem Werke, welches demjenigen, welchem ich meine Bildung verdanke, an wahrem innerm Werthe gleich gekommen wäre. Bücher genug! Belehrungen genug! aber alles nur stückweise, und nirgends ein Ganzes. Es gehört ein eigenes Capital dazu, diese Bücher anzuschaffen, es gehört ein halbes Leben dazu, sie durchzulesen. Wenige besitzen Vermögen genug, derley Auslagen zu machen, und von der kaum achtzehnjährigen Braut verlangt man doch (und mit Recht) alle Kenntniß ihres Standes. Zwar heiratheten die Mädchen zu meiner Zeit etwas später; aber sie wurden gute Mütter, sorgsame Hauswjrthinnen, liebevolle, getreu aushaltende Gattinnen, ohne eines dieser Bücher gelesen zu haben. Jetzt sind diese schönen Tugenden in hundert Vorschriften enthalten, ohne befolgt zu werden. Woher kommt das? Seht, meine Freunde! das Räthsel ist leicht zu lösen. Ich darf euch nur die Erziehungsart, nach der ich gebildet wurde, als Gegenstück der jetzt üblichen verfeinerten schildern, um den auffallenden, Unterschied zu zeigen.
In meinem siebzehnten Jahre hatte ich noch keine Schaubühne, keinen Tanzsaal gesehen, und außer denen zum Religionsunterrichte gehörigen Büchern nichts, als die zwölf Bände des Magazins der Frau von Beaumont gelesen, oder besser zu sagen, im strengsten Verstande durchstudiert. Dagegen wußte ich auf das genaueste jede Pflicht, die mir als Mädchen, Jungfrau und künftige Gattinn, als Hausmutter und Lebensgefährtinn eines Mannes theils damahls oblag, theils in der Folge obliegen würde. In meinen Händen lag jede Geschicklichkeit weiblicher Arbeit, in meinem Kopfe jede Kenntniß, die zur innern (die Frau allein angehenden) Wirtschaft gehört; und es würde mich nicht in Verlegenheit gesetzt haben, die Führung einer mäßigen Haushaltung zu übernehmen. Meine Einbildungskraft war unentweiht, mein Herz rein, meine Seele in all ihrer schönen ruhigen Unschuld geblieben. Darauf bildete ich mir gar nichts ein; denn es war die innige Überzeugung in mich gelegt worden: alles das zu seyn, alles das zu wissen, wäre Pflicht meines Alters und Standes. Der ausgezeichnetste Lobspruch, den zu erhalten ich mich bestreben mußte, war das Zeugniß derer, die mir zu befehlen hatten: du hast deine Pflicht erfüllt. Nie waren Schauspiele, Bälle, neue Kleider und derley Tändeleyen mir als Belohnungen erfüllter Pflichten verheißen worden. Meine Eitelkeit hatte hierdurch eine ganz andere Richtung bekommen, und wurde endlich Pflichtgefühl. So wie ich älter wurde, mußte ich mich mit dem stillen Bewußtseyn, recht gehandelt zu haben, begnügen lernen. Dieß gab mir für die Folge meines Lebens jene Festigkeit, welche zum Siege zwischen Leidenschaft und Pflicht so nothwendig ist.
Aus dem Magazine der Frau von Beaumont lernte ich an Geschichte, Geographie, Mythologie und Physik so viel, als eigentlich in einen Weiberkopf paßt, der, außer dem Kreise seiner Haushaltung, doch nicht wie ein Gänsekopf in die Welt Hinein schnattern soll. Man durfte nicht fürchten, mich Kärnthen in Afrika, und die Kordilleras in den Niederlanden suchen zu sehen. Gemählde waren mir keine Hieroglyphen, und die Geschichte nichts Neues. Ich konnte also überall ohne Furcht mitsprechen, und glaubte doch ganz ehrlich, auch damit nicht mehr zu wissen, als was meine Schuldigkeit wäre. Es konnte mir also nicht einfallen, mir etwas darauf einzubilden. Handarbeit war meine unausgesetzte Beschäftigung von früher Jugend an. Die häuslichen Arbeiten, als Stricken, Nähen, Spinnen, hatten aber überall (als allein zur Wirthschaft gehörig) nothwendig den Vorzug. An Wochentagen durften keine andern zur Hand genommen werden. Die feinern, bloß zur Schau dienenden, blieben für die Feyertage, wenn Jahreszeit oder Witterung auszugehen verbothen. Ich blieb also auch darin nicht unwissend, und lernte zugleich das Nützliche von dem Angenehmen unterscheiden — aus Pflicht und zur Erhohlung arbeiten. Dadurch ward mir Beschäftigung mit Handarbeit zum Bedürfniß, und jetzt — da ich alles verloren habe, was auf Erden mir theuer war — ist sie mir Alles, und ich kenne die lange Weile nicht. Eine tiefe Ehrfurcht gegen die Religion erfüllte mein Herz; aber außer ihren Hauptgrundsätzen drehete sich noch das Ganze derselben um den Glauben an die Allgegenwart des höchsten Wesens, das ich als Vater und Richter zugleich betrachten lernte. Dieß gab mir kindliches Vertrauen und Aufmerksamkeit auf meine kleinsten Handlungen. Gott sieht, Gott hört dich überall! Er ist dein gütiger, väterlicher Beschützer, aber auch der strengste Richter und Beobachter alles dessen, was du thust. — Das war der Zaum, der mich in der tiefsten Einsamkeit und Finsterniß ohne Furcht, aber auch der Schamhaftigkeit (dieser einzigen Schutzwehre weiblicher Tugend) getreu erhielt.
Stellet nun unsere, nach heutiger Weise gebildeten Mädchen dagegen, — sie, die so vieles lernen und versuchen müssen, und seht, was sie sind, und was sie werden können!
Da stehen wir endlich auf dem großen Punkte, wo der Fehler begann, der mein Geschlecht so tief herab würdigte, und überhaupt — die Jugend verdarb. Bey all den tausend Mahl tausend Vorschriften vergaß man Pflichtgefühl in die jungen Herzen zu pflanzen. Die Leichtigkeit, welche man in die Belehrungsart zu bringen suchte, ging auf die Erziehung über. Alles mußte leicht, alles mußte spielend seyn, die ernsthaftesten, die ehrwürdigsten Gegenstände in Unterhaltungen umgeschmolzen werden. Und seht! unsere Mädchen und Jünglinge haben nichts als spielen gelernet. Als Kinder spielten sie bey der Erlernung ihrer Pflichten - jetzt spielen sie — mit der Ausübung dieser Pflichten. Wo soll die Jungfrau, wo der zum Staatsbürger bestimmte Jüngling jene Festigkeit hernehmen, welche der oft so fürchterliche Kampf zwischen Pflicht und Leidenschaft fordert ? — Wie kann bey der schon in früher Jugend entweihten Einbildungskraft jene Reinheit des Herzens bestehen, welche der jungfräulichen Unschuld die leiseste Annäherung des Lasters verräth, und sie es fliehen lehrt? Wo soll die junge Gattinn all das Festhalten an Ordnung, welches die Hauswirthschaft fordert, lernen? Wo soll sie endlich den Muth hernehmen, jene tausendfache Opfer zu bringen, welche die eheliche Treue und die Mutterpflicht von ihr begehren, sie, die von Jugend auf nichts gethan hatte, als was ihr leicht und bequem war, die für eine gehaltene Lehrstunde schon im voraus auf Erhohlungsstunden rechnen konnte, als unmündiges Kind schon alle Lustbarkeiten der Erwachsenen mitgenoß, und an allen Gesprächen, ohne Rücksicht auf Unschuld und Scham, Antheil nehmen durfte? Und dieses verzärtelte Geschöpf soll sich nun hinsetzen, um ein so ernsthaftes Buch, als das Revisionswerk ist, zu lesen! in dem Kopfe, der von Lustbarkeiten, Moden und Tändeleyen strotzt, sollen alle diese Vorschriften haften! — O liebe Männer! befasset euch niemahls wieder mit der weiblichen Bildung! Fühlen könnt ihr wohl, was das Weib euch seyn soll; aber es dazu zu bilden, wird euch — nie gelingen. Der weibliche Geist ist zu fein und zugleich zu flüchtig, um nicht entweder unter euern herben Händen zu brechen oder zu verfliegen. Lasset unsere Mädchen die schöne Straße wandeln, welche Gott ihnen vorgezeichnet hat, lasset ihren Unterricht einfach, ihren Kräften angemessen seyn! Lasset der Griechinn ihren Anstand, der Französinn ihre Leichtigkeit, und behaltet dafür die Deutsche Sitte, die zwar weniger glänzet, aber euch wieder zu glücklichen Männern machen wird!
Da ich keine Abhandlung über die beste weibliche Erziehungsart schreibe, so wäre es hier unnöthig, noch mehr zu sagen, als: daß ich nach der genauesten Untersuchung kein Buch kenne, welches dem Magazine der Frau von Beaumont an wahrem innerm Werths gleich käme, daß ich aber auch fühle, wie wenig dieses Buch in seiner dermahligen Gestalt unserem Zeitbedürfnisse anpassend ist. Meine Abgeschiedenheit von allen Verbindungen gibt mir Zeit, an der Umschmelzung dieses vortrefflichen Werkes zu arbeiten, und ich denke meinen jungen Mitbürgerinnen kein unbeträchtliches Geschenk damit zu machen.
Daß ich aus Gründen, die in dem Erfolge liegen, mit unserer dermahligen Erziehungsart nicht zufrieden bin, habe ich bereits erklärt. Es bleibt indessen unumgänglich nothwendig, daß ich mich durch eine deutliche Auseinandersetzung über die Ursache meiner unternommenen Arbeit und den Endzweck der Encyklopädie gegen jeden möglichen Einwurf sicher stelle, dessen scheinbare Richtigkeit der beabsichteten Ausbreitung und Nutzanwendung Schaden bringen könnte.
Da ich aber auch dadurch in die traurige Nothwendigkeit versetzt bin, manche vielleicht bittere Wahrheit sagen zu müssen, so habe ich die Einrichtung getroffen, daß diese Vorrede, in welcher die gewöhnlichen Fehler der Erziehung aus einander gesetzt sind, von dem Werke abgesondert gebunden werde. Kinder dürfen das, was man an ihren Vorgesetzten zu tadeln verpflichtet seyn kann, niemahls wissen, und sollen überhaupt die Beweggründe, warum man so und nicht anders mit ihnen verfahrt, wenigstens so lange nicht einsehen, als zu ihrer Erziehung unbedingter, augenblicklicher und freudiger Gehorsam nöthig ist. Wollte ich aber dieses Werk ohne alle Vorrede in die Welt senden, so wäre es eben so viel, als einem Kranken Heilmittel vorschreiben, und ihm die Anwendung derselben verschweigen. Erziehungsvorschriften, sagt man, sind sehr leicht gegeben, aber sehr schwer auszuführen. — Mich kann dieser Vorwurf nicht treffen; denn ich war durch einen Zeitraum von vierzehn Jahren bey nahe ununterbrochen praktische Erzieherinn, und nur die Schwäche meines Körpers, welche mit der vom Lehramte unzertrennlichen Anstrengung nicht gleichen Schritt zu halten vermochte, nöthigte mich, eine Beschäftigung aufzugeben, welche mein innigstes Vergnügen ausmachte. Während dieses vierzehnjährigen Zeitraums hatte ich Zöglinge von jedem Alter und aus jeder Classe. Ich war Lehrerinn einer öffentlichen Erziehungsschule, ich war Erzieherinn in Privathäusern, ich war endlich Erzieherinn unter meinem eigenen Dache bey meinen Kostgängerinnen. Und alle jene, denen ich bekannt zu seyn die Ehre habe (und deren sind in drey Provinzen nicht wenige), werden mir das Zeugniß geben, daß weder Broterwerb noch Ehrgeitz, noch sonst eine Nebenabsicht, sondern nur die Neigung meines Herzens mich zu einer Verwendung bestimmte, welche Andern so beschwerlich sagt. Ich glaube daher ohne Ruhmredigkeit behaupten zu dürfen, daß ich was ja meist des Menschen Schicksal hiernieden ist) wenigstens Gelegenheit im Überflusse hatte, das Fehlerhafte in unserer Erziehungsweise zu beobachten.
Ob ich Nutzen gestiftet habe ? — Wenig. Der philanthropinische Schwindel hatte ja eben damahls ganz Deutschland befallen. Man spielte allgemein mit der Erziehung. Wie konnte ich, die nichts als Pflichten, unerläßliche Pflichten kannte und lehrte, die immer nur Gehorsam, Ausharren, Ordnungsliebe predigte und fest darauf hielt, die sich einerseits dem finstern Aberglauben, andererseits der eben so verderblichen, unter dem Nahmen Aufklärung eindringenden, Zügellosigkeit mit aller Kraft entgegen stemmte, wie konnte ich da fortkommen? — Alles, was ich lehrte, war kein Spiel, und ließ sich auch zum Spielen nicht gebrauchen. Cabalen aller Art, Verleumdungen, Kränkungen, Demüthigungen waren der oft mit Gefahr meines Lebens errungene Lohn. Nur in dem Hause der Frau v. M. in der Provinz K., Mutter von fünf liebenswürdigen Töchtern, genoß ich des einzigen, für die Erzieherinn möglichen Lohnes — Achtung. Müde gearbeitet, von Gram gedrückt, von Anstrengung erschöpft, verließ ich endlich diese Laufbahn. Meine Beobachtungen hatten mich überzeugt, daß die philanthropinische Schwärmerey sich durch ihre nothwendig traurigen Folgen selbst zerstören müsse, und ich beschloß, bis dahin meine Erfahrungen durch die Bearbeitung des Magazins der Frau von Beaumont zu benutzen, und sie meinen Mitbürgern gelegentlich vorzulegen.
Jetzt scheint der hierzu günstige Zeitpunct gekommen zu seyn. — Man fühlt bereits überall die Folgen jener zum Theil überspannten, zum Theile wenig durchdachten Erziehungsgrundsätze. Auch der so lange entbehrte Friede kehrt in unsere Fluren zurück, und gibt uns Zeit, das Verdorbene zu verbessern, das Versäumte nachzuhohlen, — dem Vaterlande durch Erziehung guter Mütter ein kostbares Geschenk zu machen. Undso wollen wir zuerst den schönen Muth haben, unsere Fehler in Augenschein zu nehmen, damit wir dadurch fähig werden, sie zu verbessern.
Der erste Hauptfehler besteht darin, daß man Unterricht und Erziehung als zwey gleichbedeutende Wörter annimmt, sie, die doch dem Sinne nach eben so sehr, als dem Laute nach, verschieden sind. „Ich thue allen Mögliche, meinen Kindern eine gute Erziehung zu verschaffen, sagen die meisten Ältern;" das heißt, „ich spare kein Geld, ihnen alle möglichen Lehrmeister zu halten. Sie werden im Tanzen, Musik, Zeichnen, Sprachen u. s. f. unterrichtet. Sie lernen schön und correct schreiben; auch die feinen Arbeiten, als: Sticken u. dgl. sind nicht vergessen. Sie erhalten also die möglichst beste Erziehung!" Aber ich frage: was ist geschehen, die Herzen dieser Kinder zu bilden, ihnen tugendhafte Grundsätze einzuprägen? Sind diese Kinder auch gehorsam, ohne zu zögern?, sind sie gutmüthig, mitleidig, freundlich, gefällig? sind sie ohne Prahlsucht mit dem Erlernten, ohne Eitelkeit auf Scheinverdienst? haben sie gelernt, auch das süßeste Vergnügen ohne Murren, ohne Zögern, mit bereitwilligen Herzen, aus Überzeugung, einer vielleicht beschwerlichen Pflicht aufzuopfern? sind sie reinlich ohne Putzsucht, reich ohne Geldstolz ? Haben sie richtige Begriffe über das Eigenthum, und werden sie überhaupt dahin geleitet, das Gute um des Guten willen zu thun? — Und ist von dem allen für diese Kinder wenig oder nichts geschehen, so sage ich, nach meinen Begriffen, diese Kinder werden in vielen zum Theile ganz entbehrlichen Dingen unterrichtet, aber sie werden nicht erzogen.
Der Unterricht muß mit der Erziehung immer Hand in Hand fortschreiten, wie zwey liebevolle Ältern; der erste bildet den Verstand, die zweyte das Herz. Der erste ist in vielen Stücken, als: Zeichnen, Musik, Sticken u. s. f. oft ganz entbehrlich; die zweyte kann ohne den unersetzlichsten Schaden nie entbehrt werden. Der erste wird nur bey zunehmendem Alter mit Nutzen angewandt — die letzte muß mit dem Augenblick ihren Anfang nehmen, wo das Kind, oft noch ohne reden zu können, durch Unarten äußert, daß es Gefühl für Recht und Unrecht habe, und bleibt, was diese ersten frühesten Anzeigen betrifft, größten Theils der mütterlichen Bemühung anvertraut.
In diesem Augenblicke wiederhohlt vielleicht so mancher Mund im Stillen jenen, mir so oft in das Gesicht geworfenen Vorwurf, ich wäre nicht Mutter, und könnte mich daher in die zärtlichen Gefühle des Mutterherzens auch nicht hinein denken. Aber, ich gestehe es hier öffentlich, daß dieser laute und geheime Vorwurf mir stets unverständlich war und blieb. Unzählige Mahl bin ich von derley zärtlichen Müttern um die Verfahrungsart befragt worden, wie sie ihre verzärtelten, zu Boßheitsdrachen verhätschelten Kinder, bessern könnten? aber keine einzige darunter konnte sich entschließen, den hierzu nöthigen, von mir vorgeschriebenen Weg einzuschlagen. Ernst, Festigkeit im Versagen — o Himmel! wo sollte das zarte Mutterherz diese Härte hernehmen? Aber ich sah eben diese Mütter im blinden Zorn ihre Kinder einer Kleinigkeit wegen unbarmherzig stoßen, schlagen, und mit der augenscheinlichen Gefahr, sie zu verkrüppeln, von sich schläudern. Ich sah diese Mütter ihre Kinder Wochen, Monathe lang, einer Lustreise wegen, dem allernachlässigsten Gesinde sorglos anvertrauen. Ich sah andere, welche ungeheure Summen auf Putz, Tändeleyen, Lustbarkeiten und Gastmahle verschwendeten, die es aber der Sparsamkeit ganz zuwider fanden, ihre Kinder mit einer hinlänglichen Anzahl der so nothwendigen, die Reinlichkeit und Gesundheit befördernden, Wäsche zu versorgen. Ich sah wieder andere bey dem Bette des todkranken Lieblings unsinnig heulen, und auf eben der Stelle Plane zu Lustbarkeiten entwerfen und ausführen. Mir, der Erzieherinn fremder Kinder, war, es nie möglich gewesen, gegen meine Zöglinge auch nur in einem einzigen Stücke so zu Handeln. Und wenn man, um es zu können, Mutter seyn muß, so danke ich dem Himmel laut dafür (worüber ich doch manches Mahl im Stillen seufzte), daß ich nicht Mutter bin.
Der zweyte Hauptfehler ist seiner Natur nach vielleicht noch, wichtiger, weil wir nur ihm das auffallende Verderbniß der Sitten zuschreiben können. Er bestehet in dem unvorsichtigen Untereinandermengen mannlich- und weiblicher Jugend. Knaben und Mädchen werden zu gleicher Zeit in eben derselben Schulstube unterrichtet *). Auch in Privathäusern werden Kinder beyderley Geschlechts selten, fast niemahls, in gehöriger Entfernung von einander gehalten; daher entstehet die früh entweihte Einbildungskraft, der in unsern Tagen so unnatürlich früh entwickelte Geschlechtstrieb, und ein Hang zur Wollust bey Kindern, der Schaudern erregt. Ich hatte Gelegenheit, zwischen sieben - und achtjährigen Kindern Scenen mit anzusehen, und Gespräche mit anzuhören, die mich mit Schamröthe bedeckten, und vor Entsetzen beben machten. Es wäre zu wünschen, daß jedermann unsers allgemein geschätzten Schriftstellers, Lafontaine, Grundsätze hierüber beherzigte, die er im 2. Theil seiner Familiengeschichte **) Seite 195, mit folgenden Worten ausdrücket:
„Emilie drang darauf, daß die Mädchen mehr sitzen, so viel möglich wäre, von den Knaben getrennt, und nur in Gegenwart der Ältern beysammen seyn sollten. Man wollte den Kindern einiges aus der Physik lehren; Emilie setzte sich dagegen, daß die Mädchen an diesem Unterrichte Theil nehmen sollten. Sie sagte: Mädchen dürfen nie in Gegenwart des männlichen Geschlechtes von dem menschlichen Körper reden hören; denn auch ihre Gedanken müssen schamhaft bleiben. Was die Mädchen davon wissen müssen, das überlaßt uns Müttern. Auch dem Vater muß die Weiblichkeit der Tochter heilig seyn."
Mühlenberg wollte seinen Plan nicht gern aufgeben; er sagte (was man unter uns auch alle Tage hört): Kinder müssen doch deutliche Begriffe bekommen. Das müssen sie nicht, erwiederte Hermann, wenn ihnen diese Begriffe den köstlichsten Schatz, die höchste Reinheit der Seele, kosten können. Meine Frau hat Recht, lieber Freund: die Schamhaftigkeit eines Mädchens, das nicht auch gegen den Vater, gegen den Bruder schamhaft ist, erkläre ich für Verstellung. Laß uns die zarte Blüthe, die von dem Hauche eines Wortes, vom Blicke eines männlichen Auges so leicht verwelkt, nicht antasten !"
Diese wenigen Worte drücken so ganz das aus, was die weibliche Schamhaftigkeit eigentlich ist und seyn soll; sie sind so ganz aus meinem Herzen geschrieben, daß ich nichts beizufügen wußte.
Hermann setzte es sogar durch, daß der Unterricht in gewissen Kenntnissen auch für die Knaben wenigstens noch aufgeschoben blieb. Ich würde auch für die Knaben diesen Theil des Unterrichtes ganz getrost wegstreichen, und ihn dem anatomischen Studium einverleiben, um auch die Schamhaftigkeit der männlichen Jugend so lange als möglich sicher zu stellen; denn ich begreife überhaupt nicht, wozu die Kenntniß von derley Dingen in früher Jugend, selbst dem männlichen Geschlechte, nützlich oder nothwendig wäre. Die Naturlehre ist im Ganzen so reichhaltig, von so großem Umfange, und enthält so vielerley, auch der Kinder Neugierde anpassende Gegenstände, daß immer noch genug übrig bleibt, ohne jene Puncte berühren zu dürfen.
Lafontaine erzählt weiter: „So vertraulich die Kinder mit einander umgingen, so hätte man doch an ihrem Betragen die Geschlechter auf den ersten Blick unterscheiden können, auch wenn sie gleich gekleidet gewesen wären. Hermann arbeitete dahin, den Knaben die höchste Achtung gegen das weibliche Geschlecht beyzubringen. Ein Fehler dagegen, besonders Unbescheidenheit gegen die Mutter, wurde doppelt geahndet."
Der würdige Dichter läßt uns hier abemahls in wenig Worten einen unserer größten Gesellschaftsfehler bemerken. Achtung gegen das weibliche Geschlecht war das Heiligthum jeder gesitteten Völkerschaft; nur in unsern Tagen glaubt schon jeder unbärtige Knabe eine Probe seiner künftigen Mannskraft dadurch abzulegen, wenn er diesem Geschlechte verächtlich begegnet, und es rächt sich dafür durch Falschheit, Kälte und Untreue. Wie wäre es auch anders möglich? Von Jugend auf hören beyde Geschlechter nichts so oft, als gegenseitigen Tadel. In jeder Gesellschaft , in jedem Buche, sogar in ihren Kinderschriften finden sie bey jeder passenden Gelegenheit Ausfälle, Neckereyen, beißende oder spöttische Anmerkungen — und so verlieren sie schon früh die Achtung, welche sie einander schuldig sind. Eine stille Gehässigkeit, eine geheime Verachtung setzt sich in dem jungen Herzen fest; halbreife Mädchen wissen euch genau herzurechnen, was der künftige Mann ihnen zwar seyn sollte, aber nicht seyn wird. Eben so der keimende Jüngling. Und über dieser unaufhörlichen, spitzfündigen, lieblosen Fehlerjagd vergessen sie die erste nothwendigste Pflicht: Aufmerksam auf ihre eigenen Gebrechen zu seyn. Wo keine Achtung mehr Statt findet, da ist auch keine Liebe. Beyde Geschlechter begehren sich jetzt nur; aber sie lieben sich nicht mehr. Und da haben wir den beträchtlichsten Theil jener Grundursache so vieler mißrathenen Ehen, und der in unsern Tagen bis zum Staatsverderben um sich greifenden Ehescheue.
Liebe, dieses schöne Vorrecht der menschlichen Seele, dieses himmlischreine geistige Empfindungsvermögen, diesen Abglanz der Gottheit hat unsere mißverstandene Aufklärung, unsere Sucht nach Vielwisserey zerstöret. O laßt uns umkehren, meine Freunde! laßt uns eilig einlenken! Gebt euern Kindern über Alles deutliche Begriffe, so viel ihr wollet; aber lasset den heiligen siebenfachen Schleyer der Unschuld unangetastet!
Was ich von der Gegenwart unserer Jugend in Gesellschaften, auf Bällen u. dgl. denke? — darüber gibt das Vorstehende hinlängliche Auskunft. Es ist, leider! nur zu wahr, daß eine sorgfältige Mutter, eine tugendhafte Lehrerinn jetzt kaum weiß, wohin sie sich mit ihren Mädchen flüchten soll, um Auge und Ohr derselben vor schädlichen Eindrücken zu bewahren. Es wird indessen einer wirklich guten Mutter, einer von ihrer Pflicht überzeugten Erzieherinn nicht an Auswegen fehlen, sobald sie kein Opfer zu groß findet.
Der Mangel an einem für die weibliche Jugend allein passenden Lehrgebäude ist nun gehoben. Die Encyklopädie enthält alles, was ein Mädchen (von welchem Stand es auch sey) theils nothwendig wissen muß, theils auch nur zur Verzierung wissen soll. Das Wort „Encyklopädie für die weibliche Jugend" erklärt schon, daß dieses Werk nur für mein Geschlecht allein ein passender Auszug der besten Erziehungsschriften sey. Auch ist bereits angezeigt, daß das Kindermagazin der Frau von Beaumont die Grundlage davon ausmache. Ich glaube, nach diesem offenen Geständnisse, um so weniger eines literarischen Diebstahls beschuldiget werden zu können, da ich überall, wo es nur möglich ist, die Anzeige beysetzen werde, aus welcher schönen Kinderschrift dieses oder jenes entlehnt worden, welchem redlichen Manne ich diese oder jene gute Lehre danke. Freylich werden noch Stellen genug vorkommen, wo derley Anzeigen schlechterdings unmöglich sind; denn erstens sind es manches Mahl nur einige Worte oder ganz kleine Satze, und auch diese oft noch zu dem Bedürfniß der Encyklopädie abgeändert, zweytens las ich sehr oft meine eigenen bereits niedergeschriebenen Ideen ganz unvermuthet in andern Büchern, die also eben so gut mein, als eines andern, sind. Sehr gern bequemte ich mich nach den Grundsätzen der neuern Pädagogik, Kinder in unterhaltenden Gesprächen zu lehren, theils weil diese Lehrart wirklich ihr vorzüglich Gutes hat, noch mehr aber, weil meine praktische Erfahrung mich die Flüchtigkeit des weiblichen Geistes in seinem ganzen, nicht zu fixirenden Umfange kennen lehrte. Darum haben alle die schönen, für mein Geschlecht geschriebenen Bücher so wenig Nutzen gestiftet; darum findet das in seiner Art unübertreffliche Werk des Herrn Raths Campe, väterlicher Rath für meine Tochter, betitelt, so wenig Nachahmung. Unter allen Mädchen, denen ich dieses Buch in die Hand zu geben mir angelegen seyn ließ (und deren Anzahl in die Hunderte gehet), war nicht ein einziges dahin zu bringen, den ersten Band mehr als Ein Mahl zu lesen; den zweyten lasen nur diejenigen, welche ihn mir laut vorlesen mußten. Die übrigen dankten für meinen guten Rath, und bekannten offenherzig, es wäre zu ernsthaft. Ich ließ mir daher besonders angelegen seyn, die ernsten Gegenstände in meiner Encyklopädie nur in kleinen Abtheilungen zu reichen, und sie durch das Einmengen unterhaltender Gespräche zu würzen, so wie man Arzeneyen durch angenehme Zusätze versüßet.
Jeder Sachverständige begreift leicht, daß es bey der großen Anzahl Gegenstände, welche die Encyklopädie zu behandeln hat, nicht mögllch war, über jeden einzelnen alles zu sagen, was sich darüber sagen ließ, wenn aus den zwölf Bänden nicht eben so viele der Börse und dem Geschmacke lästige Folianten werden sollten. Bey der Anleitung zum Nachdenken, die ich überall anzubringen suchte, kann die weitere Auseinandersetzung keiner Erzieherinn schwer werden, die ihrem Fache nur einiger Maßen gewachsen ist. Diejenigen aber, welche glauben wollten, es wäre mit dem Anschaffen dieser Encyklopädie ohne Beyhülfe der Erziehung alles für ihre Tochter gethan, würden sich sehr betriegen. Die Encvklopädie ist weiter nichts, als Unterricht. Sie räumet zwar alles hinweg, was an wissenschaftlichen Kenntnissen in die Weiberwelt nicht gehört; sie gibt der aufmerksamen Erzieherinn manchen freundschaftlichen Wink; das ist aber auch alles, was ein Lehrbuch leisten kann.
Die Anwendung der Encyklopädie bestehet in folgenden Regeln:
a) Die Mädchen dürfen für's erste nicht wissen, aus wie viel Bänden das Ganze bestehe, um ihre Neugierde gespannt zu erhalten.
b) Der erste Band wird ihnen als unterhaltendes Lesebuch gegeben, darf aber niemahls von ihnen still und für sich allein gelesen werden. Mütter und Erzieherinnen haben die Güte, sich denselben vorlesen zu lassen, entweder während die Mädchen mit Handarbeit beschäftiget sind, oder auf Spaziergängen; aber sie gestatten niemahls mehr, als die Vorlesung Einer Unteredung an Einem Tage.
c) Ist der abgemessene Theil gelesen, so wird das Buch sorgfältig verschlossen , und den Kindern (sie mögen auch noch so viel darum bitten) nicht ausgeliefert; denn leselustige Kinder fallen über derley Schriften mit einem ordentlichen Heißhunger her, verschlingen sie, und verdauen das Gelesene niemahls.
d) Ist der erste Band nach dieser Vorschrift durchgelesen, so wird er Lehrbuch, und den Kindern zu diesem Behufe ausgeliefert. Dafür kommt der zweyte Theil als Unterhaltungsbuch an die Reihe u. s. f., bis die ersten acht Bände durchgelesen sind.
e) Indessen wird der zum Lehrbuch umgeschaffene erste Band dadurch benutzt, daß die Kinder wöchentlich drey Mahl die darin in kleinen Abtheilungen vorkommenden Lehrgegenstande für sich so lange im Stillen überlesen, bis sie fählg sind, ihrer Lehrerinn eine Erzählung davon auf eben die Art zu geben, wie es Auguste mit ihren Schülerinnen hält. Es darf durchaus nicht gestattet werden, daß die Kinder diese Abtheilungen auswendig von Wort zu Wort lernen, um sie wie eine Sprachlection herzusagen. Sie müssen angehalten werden, das Gelesene mit eigenen Worten nach ihnen davon gefaßten Begriffen auszudrücken. Dadurch gewinnt man Zeit zu bemerken, wie sich die Begriffe der Schülerinnen entwickeln, und man gewöhnet sie, sich kurz, bündig und faßlich auszudrucken.
f) Daß man mit dem unterhaltenden Vorlesen der acht Bände geschwinder fertig wird, als mit dem Durchstudieren derselben, ergibt sich von selbst, und ist ganz meinem Plan angemessen. So lange der erste Band nicht durchstudiert ist, bleiben die übrigen (wären sie auch zehn Mahl nach der Reihe durchgelesen) unerbittlich verschlossen, und werden nur immer wieder vom Anfange wiederhohlt. Man darf nicht fürchten, daß die Kinder dadurch weniger aufmerksam würden. Der zweyte, dritte Baud u. s. f. (je nachdem sie mit Studieren weiter rücken) wird ihnen alle Mahl willkommen seyn. Ich habe diese Probe oft genug gemacht, um des guten Erfolgs versichern zu können.
g) Bevor ein Mädchen ihr funfzehntes Jahr nicht erreicht hat, bleibt ihr die Existenz der letzten vier Bände ein Geheimniß. Sie werden ihr sodann mit einer Art achtungsvollen Zutrauens auf ihr nun gesetzteres Alter (aber auch nur theilweise) übergeben. Man lehre sie diese Bücher als den Codex aller künftig auszuübenden schönen Pflichten mit Ehrfurcht betrachten. Sie muß auch diese Bände nach den obgemessenen Perioden, wie die vorhergehenden, laut vorlesen; und man gewöhne sie sogleich, jede Wahrheit aufzufassen, um sie auf ihren künftigen Zustand als Staatsbürgerinn anzuwenden.
Es würde dem Endzwecke der Encyklopädie ganzlich zuwider seyn, wenn männliche Lehrer dieses Buch mit unter die übrigen Lehrbücher mengen wollten. Da es ausschliesslich nur dem weiblichen Geschlechte gewidmet ist, so gehört auch die Nutzanwendung nur für Mütter und Erzieherinnen.
Ich bin nicht stolz genug, zu glauben, daß dieses Werk ganz fehlerfrey sey; ich bin nicht eitel genug, zu wähnen, daß meine Erziehungsbegriffe keine Einwendung zuließen. Jeder gutmüthige vernünftige Tadel, jede gründliche Widerlegung wird mir daher sehr willkommen seyn, und ich werde darauf nach meinem besten Wissen und Vermögen antworten. Der schmähsüchtige Tadler hingegen, der bloß krittelnde Wortklauber hat nichts als — Stillschweigen zu erwarten.
*) Auf dem flachen Lande trifft man dieses Unheil alllenthalben an."
Bd. 1 (1802), S. I
XXXVI.
Bd. 1 (1802), S. I-XXXVI.

Über Teleskope und die Sonne.

Bd. 3 (1815), S. 97.

Über Teleskope und die Sonne.

Bd. 3 (1815), S. 98.

Über Teleskope und die Sonne.

Bd. 3 (1815), S. 99.

Über Teleskope und die Sonne.

Bd. 3 (1815), S. 100.

Über die Seidenpflanze und den Mohn.

Bd. 7 (1815), S. 5.

Über die Seidenpflanze und den Mohn.

Bd. 7 (1815), S. 6.

Über die Seidenpflanze und den Mohn.

Bd. 7 (1815), S. 7.