Wigand's Conversations-Lexikon
Für alle Stände. Von einer Gesellschaft deutscher Gelehrten bearbeitet
16 Bände
Leipzig; Wigand 1846-1852
Sprache
- deutsch
Einheitssachtitel
Paralleltitel
- Wigand's Conversations-Lexikon
Literaturhinweise
Bandeinteilung
Bd. 1. A - Baratinsky. 1846
Bd. 2. Barbacena - Caldani. 1846
Bd. 3. Caldara - Deutsch-Brod. 1847
Bd. 4. Deutschland - Feodosia. 1847
Bd. 5. Ferdinand - Gribojedow. 1847
Bd. 6. Griechenland - Instruction. 1848
Bd. 7. Instrument - Lauer. 1848
Bd. 8. Lauer - Metelino. 1849
Bd. 9. Metellus - Oeser. 1849
Bd. 10. Oesterreich - Portsmouth. 1850
Bd. 11. Portugal - Romagnosi. 1850
Bd. 12. Roman - Seelbäder. 1851
Bd. 13. Seele - Taylor'scher Lehrsatz. 1851
Bd. 14. Technik - Wahrheit. 1852
Bd. 15. Wahrsagen - Zwoll, Nachtr. 1852
Bd. 16. Suppl.-Bd. Die neue Zeit. 1852
Vorwort.
"Indem wir dem Publikum den ersten Band eines neuen Conversations-Lexikon's übergeben, halten wir es zugleich für unsere Pflicht, die Gründe kurz anzudeuten, welche uns zu diesem neuen Unternehmen bestimmten, und die Grundsätze, welche uns bei Bearbeitung desselben leiteten und leiten werden.
Unsere Zeit, die man mit Recht eine Uebergangsperiode genannt hat, ist in einem großen Kampfe begriffen. Die gewaltigen Ereignisse, welche die erste französische Revolution veranlaßte, und die Europa aus seinem langen Schlummer weckten, gehören zwar der Vergangenheit an, das Staatsleben hat sich wieder scheinbar in seine alten Formen gefügt und ein langer Friedenszustand scheint fast zu der Meinung zu berechtigen, daß solche Kriege, wie sie vor jener großen Erschütterung statt fanden, jetzt nicht mehr möglich seien; aber die Ideen, aus denen jene Revolution hervorging, sind nicht verschwunden, sie leben kräftiger als je in den Gemüthern der Völker, sie nehmen mit jedem Jahre zu an innerer Kraft und Beharrlichkeit und erweitern ihre Herrschaft trotz der ausdauernden Geschäftigkeit gewisser Parteien, sie zu erdrücken, zu vernichten. Es ist ein anderer, doch nicht minder gewaltiger Kampf an die Stelle jener Eroberungszüge getreten, welche das gebildete Europa in die Fesseln eines einzigen überlegenen Geistes zu legen suchten. Es ist der Kampf des Geistes, der unsere Tage erschüttert, der in Wissenschaft und Kunst, Staat und Leben eine neue Zeit herauszuführen strebt, in dem sich Parteien gegen Parteien schaaren und der die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt in Athem erhält. Die Wissenschaft und ihre Begleiterin, die Industrie, ist hinter der Geschichte und Politik nicht zurückgeblieben. Auch in ihr gährt und treibt es, auch in ihr strebt Alles nach tieferer, freierer Entwickelung. Alle ihre einzelnen Zweige haben in den letzten Jahrzehnten an Umfang, wie an innerer Reichhaltigkeit zugenommen, so daß auch der Mann von Fach, wenn er, wie billig, seine Hauptsorge auf lebendiges Durchdringen und Begreifen des Ganzen richten will, selbst mit dem stärksten Gedächtnisse nicht im Stande ist, jede wichtige Einzelheit im Kopfe zu behalten.
Es liegt aber auch in der Natur jedes Kampfes, den Blick des Einzelnen nur auf das zunächst Liegende zu fesseln, nur Einzelnes, abgerissen von dem Ganzen und Großen, hervorzurufen und dadurch das Verständniß des Ganzen zu verwirren und zu verhindern. Um so größer ist aber auch das Interesse jedes Einzelnen, sich von dem verwirrenden Bilde, welches Leidenschaftlichkeit und persönliches Interesse des Augenblicks schaffen, loszumachen und die Gestalt der Dinge zu sehen wie sie wirklich sind. Es ist von dem lebendigsten Interesse eines Jeden, den Stand der Dinge, wie er sich in Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst gestaltet, mit klarem, von einseitigem Parteiinteresse ungetrübtem Blicke zu überschauen. Die periodischen Blätter, welche Tag für Tag die Ereignisse in der Politik und im bürgerlichen Leben, die Fortschritte der materiellen und geistigen Interessen chronikartig verfolgen, können eine solche Uebersicht nicht geben; sie können nicht, wenn sie es auch wollten, da ihre Aufgabe immer nur darin besteht, den Blick auf das Einzelne zu richten. Dazu sind nur die sogenannten Conversations-Lexika geschickt, deren eigentlicher Zweck ist, in ruhiger, gehaltener Darstellung ein Bild des geistigen und materiellen Lebens zu entwerfen, wie es sich von Periode zu Periode dem leidenschaftlosen Blicke des Forschers darbietet. Darum ist es aber auch nothwendig, daß von Zeit zu Zeit neue derartige Unternehmungen auftauchen, um in ursprünglicher Auffassung der Zeit das Spiegelbild vorzuhalten.
Doch ein brauchbares Conversations-Lexikon muß noch nach einer andern Seite seine Wirksamkeit äußern. Es soll nicht blos ein Handbuch für die sogenannte gebildete Welt sein, um Alle, die sich zu ihr rechnen, in den Stand zu setzen, über die Interessen der Zeit verständig zu sprechen. Die Zeit ist auf den Punkt gekommen, wo eine große Anzahl Derer, die sonst nicht zu der „gebildeten Welt" gerechnet wurden, das Bedürfniß fühlen, sich über die Interessen aufzuklären, die sie so gut berühren als die Gebildeten. Der kleine Kaufmann, der Handwerker, der kleine Fabrikant hat so gut nöthig, wie der Civil- und Militärbeamte, der große Fabrikherr, der große Kaufmann die Fortschritte der Wissenschaft, des Lebens und des Staats kennen zu lernen; dem Techniker, dem Oekonomen, dem Gewerbtreibenden sind die Naturwissenschaften, Physik, Chemie und Naturgeschichte unentbehrlich geworden, denn diese Wissenschaften, die in einem noch nicht sehr entfernten Zeitraume nur eine angenehme Beschäftigung für Personen bildeten, denen es nicht an Muße gebrach, haben in unsern Tagen einen Einfluß auf die industrielle Wohlfahrt erlangt, daß kein Gewerbtreibender ohne sie sein Geschäft mit Vortheil führen kann. Dazu kommt die innige Verbindung, in welche, namentlich in unserer Zeit, alle Wissenschaften und Künste unter sich getreten sind. Heilige und profane, kirchliche und politische, rationelle und empirische, spekulative und praktische Disciplinen berühren sich in unserer Zeit so nahe, daß Keiner in seinem Fache recht heimisch werden kann, der nicht zugleich in dem benachbarten Feldern wohlbewandert ist. Der Universalismus ist Nothwendigkeit, Streben und Wahlspruch unserer Zeit geworden. Es ist der Grund, aus welchem die Conversations-Lexika hervorgegangen sind.
Ihr Zweck ist aber keineswegs erschöpfenden Unterricht in allen Zweigen der Wissenschaft und Kunst zu geben, dazu wäre weder ihre Form, noch der Raum, und wäre er der umfassendste, geschickt. Sie sollen zu weiterem Studium anregen, eine Uebersicht des Ganzen geben und so eine immer tiefere, allgemeinere Erkenntniß vorbereiten und erleichtem.
Dieser Gesichtspunkt hat uns bei der Ausarbeitung vorliegenden Werks geleitet. Nach einer sorgfältigen Prüfung und Vergleichung der vorhandenen Conversations-Lexika oder sogenannten Realwörterbücher sind wir zu der Ueberzeugung gelangt, daß keines den Anforderungen entspricht und entsprechen kann, die Derjenige an sie machen müßte, der aus ihnen eine systematische, vollkommen genügende und erschöpfende Kenntniß jedes einzelnen Zweiges der Kunst und Wissenschaft entnehmen möchte. Einestheils ist es schon darum unmöglich, weil alle solche Werke einer so langen Zeit zu ihrer Vollendung bedürfen, daß mehrere Disciplinen, die in den ersten Bänden behandelt wurden, bereits wieder eine ganz neue Gestalt gewonnen haben, während noch an den folgenden Bänden gearbeitet wird. Anderntheils ist aber auch die umfassendste Bearbeitung nicht im Stande, den systematischen Unterricht zu ersetzen, den das vollkommene Durchdringen einer Wissenschaft wirklich voraussetzt. Die umfassendsten Realwörterbücher, welche unsere Zeit aufzuweisen hat, die Ersch- und Gruber'sche Encyklopädie und das Meyer'sche Conversations-Lexikon sind hinreichende Belege zu dieser Behauptung. Keines von Beiden wird man wohl für die gründliche Erlernung irgend einer Disciplin Demjenigen vorschlagen, der von ihr noch gar keine Kenntniß hat und sich nach einem brauchbaren Handbuch zum Selbstunterricht erkundigt. Ein anderes Hinderniß liegt in dem hohen Preise, den alle solche umfassende Werke ihrer Natur nach erhalten müssen, der jedem Unbemittelten ihre Anschaffung verbietet.
Wir haben uns daher auf einen kleineren Raum beschränkt und wollen nicht mehr liefern, als was ein Conversations-Lerikon wirklich bieten darf und kann, soll es nicht seinen wahren Zweck verfehlen, nämlich eine zweckmäßige Uebersicht des gegenwärtigen Zustandes derjenigen Wissenschaften und Künste, deren Kenntniß unsere Zeit von Jedem fordert, welcher an ihren Bestrebungen thätigen, wirksamen Theil nehmen will. Wir haben den politischen und Naturwissenschaften eine vorzügliche Stelle in unserm Lerikon eingeräumt in der Ueberzeugung, daß die geistigen und materiellen Interessen unserer Zeit eine genaue Kenntniß dieser Disciplinen vorzüglich nothwendig machen, daneben aber auch keine andere Wissenschaft vernachlässigt, welche unsere Zeit in den großen Kreis ihrer Erkenntniß gezogen hat, und wenn wir in unsern biographischen Artikeln auch den eigentlichen Gelehrten, Philologen und Künstlern einen Raum eingeräumt haben, den ihnen vielleicht ein größeres Publikum nicht zugestehen möchte, so glaubten wir uns schon um deswillen dazu berechtigt, da ein Conversations-Lexikon für alle Stände brauchbar sein muß, will es seinen Zweck vollkommen erreichen.
Bei Bearbeitung der einzelnen Artikel haben wir ein besonderes Gewicht auf Gründlichkeil und Darstellung der Wahrheit gelegt und uns, unterstützt von tüchtigen in Beurtheilung der Gegenwart eben so intelligenten als unerschrockenen Männern, bemüht, dem deutschen Volke ein Werk in die Hand zu geben das, im Dienste der Wahrheit. des Rechts und der Freiheit verfaßt, den Lesern ein Mittel biete die geistigen Bewegungen unserer Zeit in ihren Ursachen, Gründen, Richtungen und Resultaten deutlich zu erkennen und zu würdigen.
Ob es uns überall gelungen ist die einmal als wahr erkannte Grundansicht so fest zu halten, daß sie in jedem wesentlichen Aufsatze durchleuchtet und auch dem schwachen Auge noch sichtbar ist, müssen wir dem Urtheil des Publikums zu entscheiden überlassen, in dessen Händen bereits der erste Band unsers Unternehmens ist. Wo wir aber hinter unserm Ziele zurückgeblieben sind, da, hoffen wir, wird der Irrthum und die Unvollkommenheit des Werkes bei billigen Beurtheilern in der Schwierigkeit einer folgerichtigen Durchführung ihre Entschuldigung finden.
Die Redaction."
Bd. 1 (1846), S. III–VI.
