Conversations-Lexicon der neuesten Zeit und Literatur
In vier Bänden
4 Bände
Leipzig; Brockhaus 1832-1834
Sprache
- deutsch
Einheitssachtitel
Literaturhinweise
Bandeinteilung
Bd. 1. A - E. 1832
Bd. 2. F- L. 1833
Bd. 3. M - R. 1833
Bd. 4. S - Z. 1834
Nachwort
In einer aufgeregten Zeit, welche die Bedeutung und das Ziel ihres Strebens erkannt hat, aber im Sturme der Ereignisse oft die Richtung der Bahn aus dem Auge verliert, ist es für den besonnenen Beobachter eine würdige, wiewol schwierige Aufgabe, den raschen Wechsel der neuen Gestaltungen aufzufassen, während er rings von ihnen umgeben ist, freundlich oder feindlich von ihnen berührt wird, und das Werk des nie ruhenden Bildungstriebes zu belauschen und zu schildern, das oft wieder zerstört ward, ehe es vollendet werden konnte. Als im September 1831 der Gedanke gefaßt wurde, die Lösung dieser Aufgabe zu versuchen, kündigte sich schon ein Wendepunkt der neuen Zeit an, die 1830 begonnen hatte; der ersten Feier der Juliustage folgte bald der Geschützdonner im Osten, der in ganz Europa wiederhallte. Es mochte aber grade jene Zeit, wo die Ereignisse zu besonnener Erwägung auffodern mußten, ein günstiger Augenblick sein, zu überschauen, was für die Fortschritte der Civilisation entscheidend gewonnen oder scheinbar verloren war, den Weg, auf welchem sie waren errungen oder gehemmt worden, zu beleuchten und die eröffneten oder versperrten Aussichten zu betrachten. Ein Abbild der Zeit in ihren Ansichten und Bestrebungen, ihren Tugenden und Verirrungen zu geben, das war der Zweck des Unternehmens, wie er mit Shakspeare's Worten bezeichnet wurde.
War die Lösung dieser Aufgabe eine selbständige Foderung, die aus dem Zeitbedürfnisse hervorging, so war bei der Ausführung nothwendige Rücksicht auf das Conversations-Lexikon zu nehmen, das in dem zweiten Abdruck der siebenten Auflage, der 1830 vollendet wurde, die Ereignisse der letzten Jahre nur in kurzen Zügen angedeutet hatte. „Es mußte – sagte die erste Ankündigung dieses neuen Werkes – bei den raschen Fortschritten in der Entwickelung des gesellschaftlichen Zustandes, die der Charakter der Gegenwart sind, und bei der lebendigen Theilnahme, mit welcher die Zeitgenossen diese Entwickelung betrachten, das Bedürfnis, sich ankündigen, ein Werk, das seit einem Vierteljahrhundert als ein treuer und besonnener Führer und Berather im Gedränge der Ereignisse sich erprobt hat, mit den wechselnden Zeitverhältnissen gleichen Schritt halten zu sehen.“ Diesem Bedürfnisse sollte das Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur entgegenkommen, und das ältere Werk durch umfassendere Bearbeitung der Zeitgeschichte in all ihren Beziehungen auf gesellschaftliche Verhältnisse, Politik und Literatur ergänzen, und auf diese Weise den Besitzern der frühern Auflagen des Conversations-Lexikons ein vollständiges Hülfsbuch verschaffen. Der Plan des neuen Werkes und dessen Verhältniß zu dem Conversations-Lexikon wurde noch genauer durch die Ankündigung bestimmt, daß es ein selbständiges Ganzes bilden würde, insofern alle darin enthaltenen Artikel abgeschlossene Darstellungen sein sollten, und daher in der Regel kein in den frühern Auflagen des ältern Werkes enthaltener Artikel hier einen Platz finden könnte, wenn anders nicht der Gegenstand durch die Zeitereignisse eine erhöhte Wichtigkeit und eine andere Bedeutung gewonnen hätte, oder durch neue Forschungen ein neues Licht auf ihn gefallen wäre; aber auch solche Artikel sollten, von dem Standpunkte der Gegenwart aufgefaßt und bearbeitet, als neu erscheinen. Das Gebiet des Werkes wurde durch die Bestimmung abgegrenzt, daß es Alles umfassen sollte, was in den Jahren 1829–32 im öffentlichen Leben, in den Wissenschaften und in der Kunst bedeutend hervorgetreten wäre. „Die großen Zeitereignisse – sagte die Ankündigung – sollen mit der Unbefangenheit betrachtet werden, die Demjenigen möglich ist, der als Zuschauer des bewegten Lebens der Gegenwart ein klares Auge bewahrt, aber auch mit der Theilnahme dargestellt werden, die dem Bilde der Zeit Wahrheit und Wärme gibt. Die Veränderungen, welche mehre deutsche Staaten in den letzten drei Jahren erfuhren, sowie die Entwickelung des constitutionnellen Lebens überhaupt, sollen eine eingreifende Darstellung erhalten, die gründliche Würdigung mit anständigem Freimuthe verbinden wird.“
Dies war das Ziel, nach welchem gesteuert werden sollte. Es wurde die Mitwirkung ausgezeichneter Gelehrten in und außer Deutschland erlangt, und günstige Umstände machten es möglich, nicht nur viele bedeutende biographische Artikel aus den sichersten Quellen zu erhalten, sondern auch für die Darstellung der neuesten Begebenheiten in mehren deutschen Staaten Männer zu gewinnen, die den Ereignissen nahe gewesen waren. Es ist von vielen Stimmen anerkannt worden, daß die Ausführung nicht mislungen sei. Über die Auswahl der Artikel mögen verschiedene Ansichten geltend gemacht, über das Maß in der Bearbeitung abweichende Meinungen aufgestellt werden können; aber es ist zu erwägen, daß ein Gemälde der Zeit, wie es hier gegeben werden sollte, gleichsam aus vielen Mosaikstiften bestehen mußte, die in ihrer Verbindung zu einem Ganzen zu betrachten sind. Ist dagegen Manches und Mancher übergangen, so möge man darin nicht Verkennung irgend eines Verdienstes oder einer Leistung finden, sondern namentlich in Beziehung auf biographische Mittheilungen die Schwierigkeit in Anschlag bringen, überall sichere Kunde persönlicher Verhältnisse zu erlangen. Es ist erfreulich, von mehren Seiten anerkannt zu sehen, daß dieses Werk besonders auch in den Biographien gelehrter Zeitgenossen genauere Nachrichten enthalte als man anderswo findet, und auf diese Weise eine ergiebige Quelle für die Literaturgeschichte geworden sei; wobei jedoch zu bemerken ist, daß bei solchen Artikeln zwar bibliographisch genaue Angabe der angeführten Leistungen, aber nicht vollständige Aufzählung aller Schriften der Besprochenen in dem Plane des Werkes liegen konnte. Für manche biographische Artikel war eine, scheinbar das Ebenmaß störende größere Ausführlichkeit bedingt, bald durch die Würdigkeit und die einflußreiche Stellung literarisch oder politisch bedeutender Zeitgenossen, bald aber auch dadurch, daß sich an manche Persönlichkeiten die Darstellung wichtiger Zeitereignisse, oder die Erinnerung an frühere Zustände, welche solche Ereignisse erläutern, passend anknüpfen ließ.
Bei der großen Anzahl von Mitarbeitern, die über 100 steigt, da beiweitem nicht alle Artikel ohne Chiffre von der Redaktion herrühren, läßt sich nicht Übereinstimmung der Ansichten erwarten, und grade die verschiedene Auffassung der Zeitverhältnisse in dem Spiegel verschiedener Individualitäten und Geistesrichtungen möchte zu den Vorzügen eines, durch die vereinte Thätigkeit. Vieler gestalteten Werkes gehören, und das Bild jener Verhältnisse dadurch desto richtiger beleuchtet worden sein; aber schroffe Gegensätze sollten nirgend sich zeigen, für Recht und Wahrheit, für die erkannten und durch keine Gegenstrebung zurückzudrängenden Foderungen der Zeit und der höhern Civilisation wollte Jeder das Wort führen und würdige Freimüthigkeit sollte nie verleugnet werden. Die Richtung dieses Werkes, überall wo es die großen Zeitfragen berührt, ist daher liberal im besten Sinne – und es gibt ja im Grunde nur einen Sinn dieses Wortes –, wie es in der ursprünglichen Absicht und in den nothwendigen Foderungen der Gegenwart liegt. Dies möchte – die Hoffnung darf ausgesprochen werden – das Band der Einheit fein, das alle Mitarbeiter verbindet.
Die Männer, die zur Ausführung dieses Werkes besonders mit umfassender Thätigkeit die Hand geboten haben, sind außer mehren, deren Nennung nicht gestattet ist, die Herren: Professor Adrian in Gießen, Professor Dr. von Ammon in Dresden, Dr. Aßmann in Braunschweig, Hofrath Bachmann in Jena, Professor und Rector Baumgarten-Crusius in Meissen, Bibliothekar Bernhardi in Kassel, A. E. Boye in Kopenhagen, Hofrath Böttiger in Dresden, Generalsuperintendent Bretschneider in Gotha, Dr. Buchner in Darmstadt, Medicinalrath Casper in Berlin, Professor Choulant in Dresden, Dr. Cramer in Halberstadt, G. B. Depping und Dr. Donndorf in Paris, K. A. Espe in Leipzig, Professor Ettmüller in Zürich, Oberbibliothekar Falkenstein in Dresden, Professor Fechner in Leipzig, Director Fink in Leipzig, Professor Förster in Dresden, Hofrath Förster in Berlin, Ernst Förster in München, Dr. Friedländer in Brüssel, Professor Friedländer in Halle, Oberbibliothekar Gersdorf in Leipzig, Giehne in Karlsruhe, Hofkaplan Grüneisen in Stuttgart, Obergerichtsadvocat Dr. Hahn in Kassel, Dr. W. Häring in Berlin, Consistorialrath Hartmann in Rostock, Dr. Hartmann in Blankenburg, Hofrath Hase in Dresden, Professor Hasse in Leipzig, Collaborator Helbig in Dresden, Professor Herzog in Bern, Freiherr von Hormayr in Hanover, General von Hoyer in Halle, Professor Huber in Rostock, Professor Jacob in Schulpforta, Dr. Julius in Berlin, Professor Kämtz in Halle, Major von Kausler in Ludwigsburg, Hofrath Keferstein in Halle, Professor Kosegarten in Greifswald, Dr. Kühne in Berlin, Professor Kunze in Leipzig, Ritter von Lang in Anspach, Advocat P. van Lelijveld im Haag, Legationsrath Lindner in Stuttgart, Oberinspector Lohrmann in Dresden, Superintendent Meißner in Waldenburg, Freiherr von Meseritz in Frankfurt am Main, Dr. Mönnich in Nürnberg, Regierungsrath Alexander Müller in Mainz, Geh. Hofrath Münch in Stuttgart, Dr. Mundt in Berlin, Professor Karl Friedrich Naumann in Freiberg, Intendanturrath Neumann in Berlin, Professor Neumann in München, Hofrath Oken in Zürich, Dr. Palmblad in Upsala, Professor Passow in Breslau, Wilhelm Pietsch in Mainz, Hofrath Poppe in Tübingen, Professor Freiherr von Reichlin-Meldegg in Heidelberg, Ludwig Rellstab in Berlin, Dr. Reumont in Florenz, Professor Rheinwald in Bonn, Professor Ritschl in Breslau, Dr. Röse in Weimar, Dr. Ruge in Halle, Baron von Rumohr in Rothenhausen, Director Scharrer in Nürnberg, Dr. Schmaltz in Dresden, Geheimrath K. E. Schmid in Jena, Professor Heinrich Schmid in Heidelberg, Professor Schwab in Stuttgart, Professor Schweitzer in Tharand, Dr. Stieglitz der Jüngere in Leipzig, Professor Thon in Jena, Regierungs-Bevollmächtigter Treschow-Hanson in Christiania, Geheimer Legationsrath Varnhagen von Ense in Berlin, Dr. Moritz Veit in Berlin, Direktor Vogel in Leipzig, Hofrath Voigt in Jena, Dr. Adolf Wagner in Leipzig, Hofrath Wendt in Göttingen, Dr. Zinkeisen, jetzt in Paris.
Was bereits über das Verhältniß dieses Werkes zu dem ältern gesagt worden ist, werde noch durch die Bemerkung ergänzt, daß es auch neben der 1833 begonnenen achten Auflage des Conversations-Lexikons den selbständigen Charakter behauptet, der ihm ursprünglich aufgeprägt wurde; denn obgleich mehre Artikel desselben in jene Ausgabe übergehen, so bedingt doch schon das dort zu beobachtende Ebenmaß, daß sie in anderer Gestalt erscheinen müssen, und mehre hier aufgenommene historische und staatswissenschaftliche Entwickelungen kann jenes Werk nach feinem streng festzuhaltenden Plane nur in ihren Resultaten wiedergeben. Bei dem ersten Entwurfe dieses Werkes wurde zwar das Jahr 1832 als Zielpunkt für die Darstellung geschichtlicher Zustände angenommen, da aber die Vollendung desselben in die folgenden Jahre hinüberging, so ist das Ziel fast in allen spätern Artikeln weiter hinausgerückt worden. Eine gleichförmige strenge Abschließung auf jenen Zielpunkt schien nicht zweckmäßig zu sein. Der frühere Plan, in einem Ergänzungshefte die geschichtlichen Artikel bis 1834 fortzuführen, ist nach reiferer Erwägung auch schon darum aufgegeben worden, weil dadurch die Benutzung des Werkes wäre erschwert worden. Die allgemeine Theilnahme aber, welche diese Unternehmung gefunden hat, wird Veranlassung werden, den Faden künftig wieder aufzunehmen und in einer dazu geeigneten Form einen neuen Spiegel der Zeit aufzustellen.
Leipzig, im December 1834.
Die Redaction.
Bd. 4 (1834), S. V-VIII.
