Enzyklothek
Cover für Die Frauen in der Geschichte des deutschen Geisteslebens des 18. und 19. Jahrhunderts

Hanstein, Adalbert von

Die Frauen in der Geschichte des deutschen Geisteslebens des 18. und 19. Jahrhunderts

2 Bände
Leipzig; Freund & Wittig 1899-1900

Sprache

  • deutsch

Normdaten (Autor/in)

Literaturhinweise

Bandeinteilung

Inhaltsverzeichnis

Was können die Frauen leisten aus geistigem Gebiete? — Was haben sie schon geleistet — so lautet die Gegenfrage, die ich mir in dieser Schrift zu beantworten suche.

"Vorwort.
Lebendiger denn je steht in unseren Tagen im Vordergrunde des öffentlichen Gespräches die Frage: Was können die Frauen leisten aus geistigem Gebiete? — Was haben sie schon geleistet — so lautet die Gegenfrage, die ich mir in dieser Schrift zu beantworten suche, deren „erstes Buch" ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe.
In zahlreichen Sammlungen werden einzelne Gestalten hervorragend begabter Frauen geschildert. Aber, losgelöst aus ihrer Zeit und aus dem Zusammenhange mit ihren Genossinnen und Genossen, erscheinen sie wie schwer verständliche Sonderwesen; und auch wenn in einer Darstellung der Weltentwicklung mitten aus dem Ringen und Streben der Männer jählings als Künstlerin oder als Herrscherin eine Frau ihr Haupt erhebt, so steht sie als eine Ausnahme ihres Geschlechtes da, unweiblich, häufig Bewunderung erregend, häufiger Schrecken verbreitend. Ja — wenn der Blitz der Weltgeschichte einmal im Schatten vermorschter Throne eine Schar verbuhlter Ränkespinnerinnen beleuchtet, dann pflegt man mit dem spottenden Franzosen zu fragen: „Wo ist das Weib?" Aber wenn ein stolzes Geschlecht mannesstark sein Haupt erhebt, wer fragt dann nach den Müttern, die es erzogen, nach den Gattinnen und Freundinnen, die es beraten haben? Da müssen wir dann wieder zurückkehren zu den Biographen, deren verdienstvoller Fleiß, auch wo er sich der Schilderung eines großen Manneslebens zuwendet, es selten vergißt, die Frauen zu nennen und zu zeichnen, die, manchmal bestimmend, oft beratend eingewirkt haben auf ihre Zöglinge, ihre Freunde, ihre vergötterten Helden.
Solche Einzelerscheinungen wieder im Zusammenhange des Ganzen zu zeigen, war meine Absicht. Aber im Gegensatz zu anderen Gesamtdarstellungen der Frauenwelt, die meist ein allgemeines Bild ihrer Sittengeschichte bieten — das oft mehr einer Geschichte der Unsitten zu gleichen pflegt — strebe ich danach, eine Geistesgeschichte der Frauen zu entwerfen. Sie sollen da alle nebeneinander erscheinen: Die Dichterinnen und die Künstlerinnen so gut wie die Forscherinnen, die Schauspielerinnen und Sängerinnen neben den Königinnen und Kaiserinnen, alle aber nur insoweit, als es sich um ihre Beziehungen zum allgemeinen Geistesleben des Volkes handelt. Den Faden, die von den Händen mancher Fürstin in das Gewebe der Politik hineingesponnen worden sind, soll nicht nachgespürt werden, und auch darum handelt es sich keineswegs, etwa die Namen aller, auch der unbedeutendsten, Frauen herzuzählen, die jemals auf einer Bühne gestanden, oder die jemals Pinsel, Meißel oder Feder geführt haben. Denn nicht ein nüchtern berichtendes Lexikon galt es zu schaffen, sondern eine kritisch beleuchtete Geschichtsdarstellung. Aber diese begnügt sich nicht bloß mit den schaffenden Frauen. Nein, auch viele von denjenigen sollen erscheinen, die nur mittelbar, als Mütter und Schwestern, als Gattinnen oder Freundinnen eingewirkt haben auf das geistige Leben. Denn nur so erfahren wir: — was die eigentliche Frucht dieses Forschens sein soll —: Wie gestaltete sich in der Welt des Geistes das Zusammenwirken von Mann und Weib?
Da entstehen denn sogleich auch die weiteren Fragen: „Wie nahmen die Männer die Frauen aus, die mit ihnen wirken wollten? Wie ließ der Gelehrte oder Künstler seine Tochter heranwachsen und ausbilden im Verhältnis zu den Söhnen? Welche Schulen bot man ihnen dar, und nach welchen Mustern wünschte man sie zu erziehen? Ja, wie dachte man sich in den verschiedenen Zeiten das Wesen der Weiblichkeit? Und so wird denn auch eine Schar von erdichteten Frauengestalten schattenhaft durch unsere Darstellung schweben. Denn auch das müssen wir uns ja schließlich noch fragen: Wie erfaßten die Künstler zu verschiedenen Zeiten das Ideal der Frau?
Nach all' diesen verschiedenen Richtungen werden wir also unsere Blicke umherschweifen lassen bei dem Gange durch das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert, denn auf diesen Zeitraum beschränkt sich meine Darstellung. Freilich mußte ein einleitender Rückblick auf die letzten Zeiten des siebzehnten Jahrhunderts gegeben werden, denn aus den kraftvollen Jahrzehnten nach dem Schlusse des dreißigjährigen Völkermordens wuchs ja die neue Zeit hervor, die mit einem so mächtigen Aufschwunge des deutschen Geisteslebens einsetzte.
Da aber in jeder weltgeschichtlichen Darstellung sich ein doppeltes hervorthut — die leitenden Zeitgedanken und die großen, ihnen oft dienenden, oft widersprechenden Persönlichkeiten, so sollte auch hier beides zu Tage treten. Das Biographische sollte sich gewissermaßen mit dem geschichtlichen vereinigen. Die führenden weiblichen Geister sollten im Vordergrund stehen, die Schar der nachfolgenden Zeitgenossinnen sich mit einem Plätzchen im Hintergrunde begnügen. Und so hat diese Darstellung dann nur ihren Zweck erreicht, wenn es ihr gelungen ist, ein einheitliches Bild von dem großen Entwicklungsgange zu geben, und doch die einzelnen Hauptgestalten klar und greifbar deutlich daraus hervortreten zu lassen.
Um die fortlaufende Darstellung nicht unnötig zu unterbrechen, habe ich die Quellenangaben und Literaturnachweise in einen Anhang verwiesen. Ferner ist in den zahlreichen Zitaten die Orthographie der Originale nicht beibehalten worden, da sonst der allzumannigfache Wechsel der Schreibweise verwirrend gewirkt haben würde.
Der Bilderschmuck, mit dem die Verlagshandlung in dankenswertem Entgegenkommen meine Arbeit ausgestattet hat, dürfte manche halbvergessene Frauengestalt, auf die die öffentliche Aufmerksamkeit durch meine Darstellung wieder gelenkt werden soll, auch äußerlich den Genossinnen von heute nahe bringen. Die beigelegte Nachbildung eines Diploms zeigt schon beim ersten Blick, daß die in diesem Teile geschilderte erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts schon eifrig mit der Lösung von Fragen aus dem Gebiete der Frauenbildung beschäftigt war, die unserm Jahrhundert wie etwas ganz neues erscheinen.
Ist es doch überhaupt ein weit verbreiteter Irrtum, als sei erst die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dem geistigen Streben der Frauen günstig gewesen. So schreibt selbst die fleißige Sophie Pataky in ihrem „Lexikon deutscher Frauen der Feder" das sonst eine Achtung gebietende Arbeit ist, irriger Weise: „Kaum sechzig Jahre sind es, da hat, mit geringen Ausnahmen, der schriftstellerische Drang der Frau in der Abfassung von Koch-Haushaltungs- und Handarbeitsbüchern seinen sichtbaren Ausdruck und seine Befriedigung gefunden". — Wie sehr das Gegenteil zutrifft, wie gerade in den letzten Jahrzehnten des siebzehnten und in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts der Bildungsdrang der Frauen und ihr Trieb nach litterarischer Bethätigung einen seltenen Höhepunkt erreichte, wird aus diesen Blättern gezeigt werden.
Möge meine Darstellung auch den Zweck erreichen, für die öffentliche Besprechung solcher Fragen das geschichtliche Interesse zu wecken.
Schöneberg b. Berlin im November 1898.
Dr. Adalbert von Hanstein."
Bd. 1 (1899), S. VI
X.
Bd. 1 (1899), S. VI-X.