Enzyklothek
Cover für Neues Conversations-Lexikon

Wagener, Hermann (ed.)

Neues Conversations-Lexikon

Staats- und Gesellschafts-Lexikon
In Verbindung mit deutschen Gelehrten und Staatsmännern herausgegeben von Herrmann Wagener, königl. preuß. Justizrath
23 volumes
Berlin; Heinicke 1859-1867

Language

  • german

Authority Data (Author)

References

Volume division

Bd. 1. Aachen bis Almosenier. 1859
Bd. 2. Almquist bis Atthalin. 1859
Bd. 3. Atticus bis Bichat. 1860
Bd. 4. Bickel bis Camoens. 1860
Bd. 5 Campagna di Roma bis Dänemark. 1861
Bd. 6. Daniel bis Elisabeth. 1861
Bd. 7. Ellora bis Fünen. 1861
Bd. 8. Fürst bis Gyulai. 1861
Bd. 9. Haag bis Illumaten. 1862
Bd. 10. Illyrien bis Kalandsgilden. 1862
Bd. 11. Kalckreuth bis Lanjuinais. 1862
Bd. 12. Lannes bis Marmont. 1863
Bd. 13. Marmontel bis Münch-Bellinghausen. 1863
Bd. 14. München bis Oesterreich. 1863
Bd. 15. Oesterreichischer Erbfolgekrieg bis Pomare. 1864
Bd. 16. Pombal bis Reformirte Kirche. 1864
Bd. 17. Réfugiés bis Saint-Simon. 1864
Bd. 18. Saint-Simon bis Seleucia. 1865
Bd. 19. Seleuciden bis Stieglitz. 1865
Bd. 20. Stieglitz bis Ungarn. 1865
Bd. 21. Ungarische Revolution bis Weimar. 1866
Bd. 22. Wein bis Ziegler. 1866
Bd. 23. Zierotin bis Zwölftafelgesetzgebung. 1867

Vorwort.

"Das Staats- und Gesellschafts-Lexikon, das wir hiermit der großen conservativen Partei nicht Preußens allein, sondern des gesammten Deutschlands, ja dem ganzen deutschen Volke, so weit es mit seinem Namen auch seinen Charakter bewahrt, darbieten und widmen: — es ist natürlich bescheiden genug, weder mit großen Ansprüchen, noch mit hochtönenden Verheißungen vor das Publicum zu treten. Der erste Versuch conservativer Publicistik und Wissenschaft auf diesem Gebiete, — ein Versuch, der seine Träger überdies erfahrungsmäßig weniger unter den berühmten Männern der Wissenschaft, die nur ausnahmsweise und selten auf das Gebiet der eigentlichen Presse und Journalistik „herabsteigen", als unter denen finden wird, die noch jung und unberühmt genug sind, um ältere Lorbeeren nicht auf das Spiel zu setzen und ein wenig Spott und Hohn nicht zu bitter zu empfinden, — kann es zunächst keine andere Legitimation beibringen, als neben dem dringenden Wunsch, dem Vaterlande und den Gesinnungs-Genossen einen Dienst zu leisten, das Bewußtsein, in der Gestaltung der Zukunft zugleich das eigene Schicksal zu gestalten. Wir nehmen deshalb auch keinen Anstand, seine Fehler und Schwächen als selbstverständlich zu behandeln.
Wenn wir nichts desto weniger ohne Furcht und Zagen an das Werk gegangen sind, so ist der Grund weder in Ueberhebung unser selbst, noch in Geringschätzung unserer Gegner zu suchen. Wir werden uns niemals zu der Selbstgefälligkeit erheben, die Schriftsteller und Wortführer der Gegner den unseren als „Ignoranten" gegenüber zu stellen. Damit ist es natürlich sehr wohl verträglich, wenn auch wir die bisherigen Leistungen der Gegner auf dem in Frage stehenden Gebiete keinesweges für Meisterwerke halten; wir halten auch die unseren nicht dafür. Wir werden es so gut machen, als wir eben können, und wer uns tadeln will, der mag es besser machen.
Die lächerliche Insinuation, als ob wir das ganze bisherige Culturleben des deutschen Volkes, Alles, was deutsche Wissenschaft und Kunst, was deutscher Fleiß und deutsche Tiefe bis dahin geleistet und errungen, mit bornirter Geringschätzung betrachteten, als ob wir im Grunde nichts Anderes, als den finsteren Plan verfolgten, den deutschen Urwald wieder anzusaamen und in Bärenfellen um den Stein-Altar zu tanzen, auf dem wir einen Tag um den anderen einen deutschen Philosophen und Naturforscher zum Opfer brächten, — eine solche Insinuation wird vor ernsthaften Leuten kaum einer Widerlegung bedürfen. Wir wollen weder Humboldt noch Kant, weder Fichte noch Schelling, weder Schleiermacher noch Hegel, weder Schiller noch Goethe, noch irgend eine andere deutsche Celebrität ihres literarischen Ruhmes berauben. Freilich aber verstehen wir diese Anerkennung nicht so, daß wir den von jener Seite sonst so weit abgeworfenen „blinden Glauben" nun plötzlich auf das Gebiet der Kunst und Wissenschaft verpflanzten, unsere selbstständige Prüfung und unser eigenes Urtheil unter den Ruhm jener Männer gefangen nähmen und damit den „Cultus des Genius" an die Stelle der Heiligen-Verehrung setzten. Wie Kant durch Hegel, wie Fichte durch Schelling, wie Schleiermacher durch Beide, wie Letztere durch ihre weiter fortgeschrittenen Schüler bald in ihren Prämissen, bald in ihren Schlüssen widerlegt worden sind, wie jeder Weise und jeder Naturforscher, je größer er ist, um so bereitwilliger einräumt, dem Wesen und Urgrunde der Dinge nur durch Hypothesen näher getreten zu sein und eigentlich Nichts gelernt zu haben, als daß er Nichts wisse; wie jeder Fortschritt der Naturwissenschaften immer einfachere Gesetze zu Tage fördert und zugleich in sich die Negation eines Theils des früheren Stadiums vollzieht; wie Schiller und Goethe und andere Männer der Kunst selbst in den Augen ihrer begeistertsten Verehrer nicht ohne Mängel und Flecken dastehen: so nehmen auch wir das Recht in Anspruch, Jedermann, und sei er augenblicklich noch so berühmt, in unserer Weltanschauung und unserem Systeme die passende Stellung anzuweisen, unbekümmert darum, ob diese den Gegnern gefällt oder nicht.
Sonst haben wir bei der vorliegenden Arbeit keinesweges den Zweck, weder ein neues philosophisches, noch ein neues naturwissenschaftliches System zum Besten zu geben; wir wünschen nur, daß vor unseren Lesern neben Kant und Hegel auch Baader und Stahl, neben Schleiermachcr und Fichte auch Luther und Spener, neben Schiller und Goethe auch Klopstock, Herder und Claudius, neben Humboldt auch Schubert und Wagner, neben Adam Smith und R. Mohl auch F. Lißt und Stein, neben Gervinus und Prutz auch Leo und Menzel, und neben der bunten Schaar der selbstgefälligen Philosophen und Naturforscher in Schlafrock und Pantoffeln auch das Heer der christlichen Blutzeugen und Glaubenshelden zu Worte komme.
Dabei aber geben wir freilich vor allen Dingen darauf aus, trotz aller berühmten Männer von gestern und heute die Principien der christlichen Religion und Kirche in Staat und Gesellschaft, in Wissenschaft und Kunst, in Philosophie und Natur, so weit es in unseren schwachen Kräften sieht, wiederum zur Anerkennung und Geltung zu bringen.
Nicht daß wir bis dahin zu viel Philosophie, d. h. ungefärbte Liebe zur Wahrheit in der Welt gefunden; im Gegentheil hat sogar die formelle Beschäftigung mit den philosophischen Systemen in bedenklicher Weise abgenommen. „Es liegt — sagt Stahl — das Ansehen der Philosophie darnieder, wie zu keiner Zeit in der Geschichte gesitteter Völker. Fast ist die Erinnerung an sie erloschen. Man findet kaum mehr eine Erwähnung auch der berühmtesten Philosophen in der Tagespresse, in, gesellschaftlichen Verkehr, in den Werken positiver Wissenschaft, in den großen Verhandlungen des Staates und der Kirche. Wird ein philosophischer Lehrstuhl erledigt, so fragt Niemand mehr, durch wen er wieder besetzt werde. Es ist ein wohlverdientes Gericht über die Philosophie ergangen." Dabei dürften die jüngsten, kaum noch philosophischen Producte des sich selbst überlassenen Menschengeistes, der Geist und die Philosophie, die, wie ihre Vertreter naiv genug versichern, lediglich aus dem Magen kommen, auch dem Blindesten über die Gefahren der Situation und die Notwendigkeit der „Umkehr" die Augen geöffnet haben.
Nicht daß wir die Kunst und Wissenschaft an sich gering achteten oder verwürfen und etwa mit dem Gedanken umgingen, den Kalifen Omar zum preußischen Ober-Bibliothekar zu ernennen, — doch kennen wir auch die Gränze, welche zu überschreiten dem Verstände und der Phantasie des Menschen nicht gegeben oder gestattet ist.
Die nackte und heidnische, die frivole und tendenziöse Kunst, wie sie jetzt in Museen und Häusern, in Sammlungen und auf öffentlichen Plätzen Eingang gesunden; die Kunst, welche durch ihre heidnische Form gezwungen ist, auch ihren Inhalt nur dem Heidenthum zu entlehnen; die Kunst, welche Christenthum und Vaterlandsgefühl gleichmäßig verläugnet und ignorirt und von ihrer erhabenen Stelle als Vorbildnerin der Erlösung der Natur und der Menschen zu einer Dienerin der Lüste und Leidenschaften und zu einem Werkzeuge vorübergehender Zwecke und Tendenzen berabgestiegen ist, — mit einer solchen Kunst wollen wir unverworren bleiben. Um so mehr freuen wir uns, auch auf diesem Gebiete in dem Wiedererwachen christlicher Kunst ein unverkennbares Symptom der Umkehr begrüßen zu können.
In gleicher Weise sind wir außer Stande, eine Wissenschaftlichkeit, welche die "Königin der Wissenschaften", die Theologie, als ihren hauptsächlichsten Gegensatz behandelt, mit unseren Sympathieen zu begleiten. Eine feile Dirne auf dem Altare der Vernunft: das ist der Schluß jeder von dem Boden des Christenthums losgelösten, sich selbst überlassenen Philosophie und Humanität. „Was im Geiste hoher Wissenschaftlichkeit begonnen, hat im Fleische des weit verbreiteten Materialismus geendet." Sonst begleiten wir gern den redlichen Denker bis an die Gränze menschlicher Gedanken, d. h. bis dahin, wo, wie schon Fichte anerkennt, die übersinnliche Welt sich dem wissenschaftlichen Beweise des Für und Wider gleichmäßig entzieht und der menschliche Geist auf das gläubige Ergreifen und Anschauen göttlicher Offenbarungen und auf die Bewahrung und Befestigung seines Glaubens durch Uebung und Erfahrung, durch Empirie und Praris hingewiesen bleibt. Sonst gedenken wir uns von den sogenannten „Wissenschaftlichen" weder in der Lust und Schärfe des Denkens, noch in der Freude an den Resultaten der Spannkraft und Energie des menschlichen Geistes, sondern lediglich, aber freilich auch in allen Consequenzen, dadurch zu unterscheiden, daß wir nicht das infallible selbstgenugsame „Ich", sondern den lebendigen persönlichen Gott als das A und O unserer Philosophie und Naturforschung hinstellen, — eine Voraussetzung, die uns unvergleichlich viel mehr wissenschaftlich und philosophisch zu sein scheint, als die Ungeheuerlichkeiten, deren der philosophische Unglaube als Stützen seiner mit den Generationen wechselnden Axiome und Hypothesen bedarf.
Noch weniger gedenken wir unter der Firma oder dem Verwande christlicher Principien und Tendenzen in Staat und Kirche irgend ein selbstausgesonnenes System, irgend eine von uns selbst ausgesponnene Verfassung durch Güte oder Gewalt zur Geltung zu bringen. Wir haben durchaus keine besonderen Sympathien für ein sogenanntes „göttliches Recht", welches das historische ignorirt, oder welches, wie der Engländer Blackstone drastisch bemerkt, „für das Etablissement der Kinder Israel bestanden haben mag, welches aber unbekannt ist den Gesetzen und Gewohnheiten dieses Landes." Wir haben durchaus keine Sympathie mit jener Auffassung des Regiments „von Gottes Gnaden", welche die Regierung zu einem Privatrecht herunterdrückt und die Verantwortlichkeit der Regenten lediglich in das Jenseits verlegt, — eine christlich gefärbte constitutionelle Fiction, auf welche der lebendige „Gott in der Geschichte", der Fürsten ein- und absetzt, bis dahin nur wenig Rücksicht genommen. Wir haben durchaus keine Sympathie mit den Regenten, welche von ihrer "Firma" keinen anderen und besseren Gebrauch zu machen wissen, als ihre nur wenig correspondirende Regierungs-Thätigkeit damit zu bedecken. Wir haben nur wenig Sympathien mit dem Staat, der seinen Charakter und seine Aufgabe als „christlicher Staat" durch Mediatisirung der christlichen Kirche zu erfüllen gedenkt und in sich selbst die Thaten wiederholt, um deretwillen der seiner Selbstverantwortlichkeit vor Gott sich bewußte Theil der Christenheit den Bann einer fleischlich und weltlich gewordenen Kirchengewalt von sich abgestreift. Wir haben durchaus keine Gemeinschaft mit jener höheren Geistigkeit und Sittlichkeit, welche dem Einzelnen gestattet, im Namen des Rechtes sich über das Gesetz zu erheben und gewissen politischen Ideen und Vorschwebungen gegenüber Eid und Pflicht, Unterthanen-Verband und Verfassungen lediglich nach jenen Zwecken zu modeln und zu deuteln, — eine Moral, welche leider in der Regel nur bei dem Gegner das verdiente Urtheil empfängt. Ebenso ist es nicht unsere Sache, Luftschlösser — sei es auch aus christlichen Gedanken — zu erbauen.
Nicht besser freilich denken wir von jener Auffassung des Staates und der Politik, welche, anstatt die Güte der Verfassungen lediglich nach der eigenthümlichen Natur, nach dem durch die territorialen Verhältnisse, durch Lage und Zusammmsetzung und durch die Bildungsgeschichte bedingten besonderen Charakter und den daraus resultirenden kirchlichen und politischen Aufgaben des Staates zu beurtheilen, die Ermittelung und Feststellung der Verfassungen auf das Gebiet der Ethik und Metaphysik verlegt und, anstatt die Staaten aus sich selbst zu erklären, zwar nicht die Postulate des Christenthums, wohl aber ein willkürliches, selbsterdachtes, abstractes Princip der sittlichen und rechtlichen Freiheit zum Ausgangspunkt gemacht und dabei natürlich überall zu äußerst logischen Erzeugnissen gekommen ist, die nur den einen Fehler haben, daß sie eigentlich für Niemanden passen, außer für den, der sie gefertigt. War aber dies — wie ein neuerer Schriftsteller bemerkt — schon Wahnsinn, es lag doch wenigstens noch Methode darin. Noch bunter und widersinniger wurde die Sache, als man „auf den noch viel wunderlicheren Einfall gerieth, daß es in der Nordsee eine gewisse Insel gebe, wo die Normal-Verfassung für die ganze civilisirte Welt zu finden wäre," oder daß wir aus einer großen Stadt jenseit des Rheins neben den gangbarsten Mustern in Reifröcken und Crinolin auch das Neueste in Verfassungen und Eidschwüren zu beziehen hätten. Gewiß sollten gerade die, welche in diesem unmethodischen Wahnsinne befangen gewesen, sich am wenigsten legitimirt finden, den christlichen Idealismus ihrer Gegner anzuklagen.
Was uns den Staat zu einer göttlichen Institution und jede Obrigkeit (die Magistratur in der Republik nicht minder, als den König in der Monarchie) zu einer Obrigkeit von Gottes Gnaden macht, das ist die Thatsache, daß Staat und Obrigkeit das, was sie sind, in ihrer Bestimmtheit und Besonderheit, in ihrer Verfassung und in den persönlichen Trägern ihres Regiments nicht ohne Gottes Fügung und durch sein Walten in der Geschichte geworden sind; das ist die Erwägung, daß, wie die Ehe nicht als bloßer Begriff, sondern nur als concretes Verhältnis zwischen bestimmten Personen unverletzlich, weil verletzbar, ist, so auch Staat und Obrigkeit nicht als bloße Ideen, Gedanken-Dinge, sondern als concrete lebensvolle Gestaltungen, als inhaltsreiche Realitäten und Offenbarungen dessen, der als „Menschensohn" die Welt regiert, den Widerschein der Majestät an ihren Stirnen tragen; das ist die Wahrnehmung, daß es den Völkern zwar gegeben ist, wie das Leben überhaupt, so auch die überkommene, von Gott geordnete Form ihres socialen und politischen Lebens zu zertrümmern und von sich zu werfen und in ihrer Auflehnung thatsächlich Gott zu lästern, daß es aber bis dahin noch keiner Revolution gelungen ist, etwas Besseres, Dauerhafteres an die Stelle des Alten zu sehen, so daß selbst in England, wo die Revolution nur das Königthum reformiren wollte, der Erfolg kein anderer war, als die Zerstörung der königlichen Gewalt; das ist die Wahrheit, daß von sich selbst kein Mensch obrigkeitliche Gewalt über andere Menschen haben kann, auch nicht die Sämmtlichen über den Einzelnen, daß auch durch Vertrag Obrigkeit und obrigkeitliche Gewalt nicht begründet werden können, und daß das Gesetz nur dadurch Recht wird, daß es eben nicht das Product und die Formulirung menschlicher Willkür, sondern der concrete Ausdruck und die adäquate Anwendung eines Gebotes, dessen Sanction auf eine höhere Autorität als die des Menschen zurückzuführen ist.
In jenen beiden Vordersätzen, in den durch Geschichte und territoriale Gestaltungen gegebenen, räumlichen und zeitlichen Voraussetzungen und Bedingungen, und in den durch das helle Licht des Christenthums verklärten idealen Grundlagen und Endzielen der Staaten bewegt sich der Inhalt jeder wahren Staatskunst, jene concretideale Gestalt, der wir insbesondere in der Anwendung auf unser Vaterland trotz Hohn und Spott der Gegner in dem Postulat des christlich-germanischen Staates das Bürgerrecht zu gewinnen gedenken.
Erfreulicher Weise greift diese Erkenntniß auch in immer weiteren Kreisen Platz, und selbst der Liberalismus kann sich dem Zugeständnisse nicht mehr entziehen, „daß jedes tüchtige und würdige Leben des Einzelnen wie der Völker festhalten muß an den ewigen Grundlagen der Religion und Moral, an der Gerechtigkeit und ihrem Maße, daß es auch in dieser Beziehung sich anschließen muß an die ächte Lehre unserer heiligen Religion, die überall und so auch in Beziehung auf Freiheit und gesetzliche Ordnung das Höchste und Tiefste lehrend, die untergeordneten scheinbaren Gegensätze zu vereinigen weiß und so, mehr als irgend eine Lehre der Welt, die Revolutionen beseitigt und doch mehr als jede andere höchste gesellschaftliche Freiheit heiligt und fördert," — nur daß man natürlich über die Gränzen seines eigenen Glaubens nicht hinaus kann und in den meisten Fällen anstatt des positiven historischen Christenthums irgend ein, wenn auch ein zusammengestoppeltes, Moralsystem als „Religion der Gegenwart" an den Mann zu bringen sucht.
Eben so ist der tiefere Constitutionalismus bereits zu der Ueberzeugung durchgedrungen, daß, wie sich Jeder lächerlich machen würde, der bestrittene Rechtsverhältnisse des geringsten Gesellschaftsvertrages, z. B. einer Club-Gesellschaft, nach seinen eigenen individuellen oder allgemeinen philosophischen Zwecken bestimmen wollte, dies noch in verstärkterem Maße eintritt, wenn es sich um Staat nnd Kirche handelt, — nur daß man hier Recht und Geschichte etwas freisinniger behandelt; daß ferner die wesentlichen logischen Folgesätze aus der Natur des Staates oder, was dasselbe ist, seine Fundamente natürlich keiner willkürlichen Stimmemmehrheit unterliegen und nicht aufgehoben werden können ohne Zerstörung des Staates selbst, — nur daß man im sonderbaren Widerspruch diese unantastbaren Fundamente doch wiederum aus nichts Anderem, als aus einem Vertragsverhältniß herzuleiten weiß. Ja, was noch mehr ist, es wird ausdrücklich anerkannt, „daß ein Staat nur dadurch entstehen und dauern kann, daß das höchste Princip der einzelnen Glieder (d. h. doch wohl das christliche!) als gemeinschaftliche Grund-Idee oder als gemeinschaftlicher Endzweck, als ein höherer Gemeingeist seine Glieder zur vereinten Erstrebung der höchsten Aufgaben der Menschheit bestimmt, in dieser Vereinigung unter sich und mit der allgemeinen Vollendung erhält und leitet." Es ist dies eine Auffassung, die fast über die Gränzen unseres christlichen Staates hinaus in das Gebiet der Kirche hineinführt. Jedenfalls aber muß, wer nach solchen Prämissen dennoch den „christlichen Staat" als Postulat ablehnen kann, entweder selbst das Christenthum innerlich abgestreift haben oder seine Mitbürger als Heiden betrachten.
Nicht minder hat sich die Zahl der Verehrer des sogenannten „Rechtsstaates", jenes früheren Ideals des continentalen Liberalismus, auf das Erheblichste vermindert und die Ueberzeugung Raum gewonnen, daß der Staat Beides sein soll, ein Reich des Rechtes, ein „Rechtsstaat", und ein Reich der Sitte, ein „sittliches Gemeinwesen". Man beginnt endlich der politischen Aktion hinter die Coulissen zu sehen. Insbesondere haben für die Schärferblickenden unter allen Parteien jene Spielarten des Rechtsstaates, wo man die Willkür zum Gesetz und dadurch den vermeintlichen Rechtsstaat zum Superlativ des Polizeistaates erhebt, so wie jene neuere römische Doctrin, welche den Staat, wenigstens den evangelischen, alles positiven sittlichen Inhalts entleert, auf Schutz von Person und Eigenthum, so wie auf Bewässerungen und andere nützliche Anlagen beschränkt und anscheinend wiederum — wie vordem — zum Gerichtsvollzieher der römischen Hierarchie herunterdrücken möchte, ihr Urtheil bereits empfangen. Lesen wir doch selbst in Welcker's „systematischer Encyclopädie", daß die Staaten nicht hervorgehen aus einzelnen untergeordneten Zwecken des menschlichen Lebens, sondern daß sie ein lebendiges Ganze sind, die lebendige Organisation des gesellschaftlichen Volkslebens und der Cultur, die ihrerseits wiederum von dem menschlichen Gesammtzweck des Volkes, von der Religion und Moral, nicht getrennt werden können. „Wäre der Staat — heißt es dort — lediglich eine äußerliche Sicherungs- und Zwangs-Anstalt, so hätte er auch nur einen sehr bedingten untergeordneten Nützlichkeitswerth, nicht die höhere Würde, welche alle Völker ihm beilegen. Es wäre ferner der Tod für das Vaterland, d. h. die Hingabe aller Sicherheit oder des Zweckes selbst für den Staat, als ein bloßes Mittel der Sicherheit, ein Widersinn" — eine Bemerkung, welche auch die Berechtigung des Kosmopolitismus auf ihr rechtes Maß zurückführen dürfte.
Aus diesem Grunde lobt man sogar die praktische Volksweisheit der Alten, lobt man die Staatsrechts-Lehrer von Aristoteles bis zu dem „praktischen Thomasius", welche und weil sie den Staat als einen Menschen im Großen betrachtet: eine Anschauung, welcher wir uns unbedingt anschließen, nur daß wir in der Durchführung der meisten jener Philosophen, von den Phantasien des Plato bis zu den Menschenrechten und Staatsbürger-Theorien der französischen Revolution, den wirklichen Menschen, den Menschen mit Leib, Seele und Geist vergeblich suchen und statt dessen irgend ein aus Spiritus gezogenes, immerhin geistreiches und interessantes philosophisches Ungethüm erblicken. Wir werden dies Alles an dem geeigneten Orte näher beleuchten.
Das Werk, an das wir hiermit herantreten, soll natürlich eine „Tendenzschrift" werden, eine Tendenzschrift nicht in dem Sinne, daß wir Theorie und Praxis, Wahrheit und Geschichte nach unseren Zwecken zuschneiden und modeln, sondern — wie dies auch der erklärte Hauptzweck ähnlicher Arbeiten unserer Gegner ist — daß wir darauf ausgehen, die Grundsätze, Richtungen und Interessen unseres Systems offen ohne Rück- und Vorbehalt auszusprechen, das, was unsere Partei will und fordert, wollen und fordern muß, im Zusammenhange darzustellen und dadurch gesunden politischen Ansichten und Richtungen, als welche wir die unseren betrachten, unter allen Klassen der Gesellschaft eine möglichst große Verbreitung und Anerkennung zu verschaffen. Es ist dies für uns und unsere Stellung um so wichtiger und unabweislicher, als die gegnerische Presse jeden Kalibers seit Jahrzehnden darauf ausgegangen ist, unsere Partei und deren politische Principien und Tendenzen im günstigsten Falle als Caricatur, im weniger günstigen als beschränkte und böswillige, selbstsüchtige und hinterhaltige, lichtscheue und freiheitsfeindliche darzustellen: — Insinuationen, die wir nicht durch philosophische Lehrbücher und vielbändige Geschichtswerke, sondern nur dadurch beseitigen werden, daß wir dem populären Angriff mit gleicher Vertheidigung begegnen, der gegnerischen Caricatur ein Gesammtbild unseres Systems gegenüberstellen und unsere Vordersätze und Theorien durch unsere Praxis und Schlußfolgerungen legitimiren.
Zugleich ist das sich gegenseitig gründlich Kennenlernen die Voraussetzung aller Anerkennung und Verständigung, und es ist deshalb weniger des Streites wegen, dessen wir doch genug haben, als um des endlichen Friedens willen, daß wir dem System des Gegners das unsere gegenübertreten lassen und dadurch ein gründliches Urtheil nach beiden Seiten ermöglichen.
Zu diesem Zwecke werden wir geeigneten Ortes nachweisen oder wenigstens nachzuweisen versuchen, daß, weit entfernt, verfassungsmäßige Freiheit und organische Selbstregierung zu verwerfen, unsere Principien und Postulate die einzige Grundlage sind, auf welcher das Gebäude wahrer wesentlicher Freiheit und Selbstregierung dauernd gegründet werden kann, und daß, was noch von Freiheit in Europa vorhanden ist, der Liberalismus und Constitutionalismus nicht sich und ihren verkehrten revolutionären Bestrebungen, sondern uns und unseren Gesinnungs-Genossen zu danken haben. „Aus dem Streben nach zu großer Freiheit wird — wie schon das alte französische Sprichwort sagt — Nichts als zu große Knechtschaft geboren."
Freilich suchen wir unsere Freiheit und Selbstregierung nicht in dem Abhub und den Brosamen von dem Tische der französischen Revolution, nicht in französischer Rechtspflege und Administration, nicht in bureaukratischer Centralisation und Allgenügsamkeit, sondern lediglich in dem Festhalten der natürlichen Gliederung und Organisation und der geschichtlich überkommenen Verfassung der Völker und Staaten.
Wir wissen — und die Erfahrung hat es bestätigt — daß man sein Gebäude auf Lügen gründet, wenn man nicht den Menschen, wie er ist, den Menschen mit seinen Schwächen und Gebrechen, mit seinen Mängeln und Sünden, mit seinen verschiedenen Zwecken und Bedürfnissen, mit seiner verschiedenen Vergangenheit und seinem verschiedenen Besitz, in seiner verschiedenen Stellung und Geltung, d. h. das Volk in seiner äußeren geschichtlichen Besonderheit und Continuität, in seinen verschiedenen Klassen und Ständen, sondern den Menschen, wie er sein sollte, seiner Schwächen und Leidenschaften entkleidet, der Bedingungen des irdischen Daseins enthoben, als abstract vernünftiges, tugendhaftes Wesen, als freien und gleichen Staatsbürger, d. h. das Volk als ein willkürliches Stück der Menschheit, als eine unterschiedslose Masse politischer Atome den Institutionen des Staates zum Grunde legt. Wir wissen — und die Geschichte Frankreichs stellt es uns täglich vor Augen — daß die consequente Durchführung der französischen Principien die höchste Steigerung des Despotismus unabweislich fordert und im Gefolge hat, daß die Realisation der Postulate der von dort überkommenen Staatskunst die Freiheit des Volkes für immer unmöglich macht, und daß insbesondere der vielgepriesene Constitutionalismus, weit entfernt, eine besonders hohe bis dahin dem Menschengeschlecht verhüllt gewesene Form der politischen Freiheit zu sein, nichts Besseres war, als der Inbegriff der Principien und der Apparat der politischen Herrschaft des Geldcapitals, der mit hochtönenden Phrasen verschleierte Versuch, die Staatsgewalt im alleinigen Interesse der besitzenden Klasse auszubeuten, und die — in der allgemeinen Corruption offenbar gewordene — faule politische Frucht der Selbstsucht und des Mammonismus der Regierenden wie der Regierten.
Wir wissen — und das Gericht der jüngsten Krisis ruft es laut in jedes noch nicht ganz verstockte Ohr — daß man mit der Beseitigung der „Fesseln der freien Bewegung" auch die Schranken zertrümmert, welche den Schwachen vor dem Starken geschützt, daß man mit der Freigebung der unbedingten und unbeschränkten Concurrenz, ober, was dasselbe ist, mit der Herrschaft des schrankenlosen Egoismus die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft erschüttert und auf dem gewerblichen Gebiete ein Faustrecht etablirt, viel gefährlicher und intensiver, als das mittelalterliche, welches doch immer nur in isolirten Raubzügen verlief, und daß es daher der Staatsgewalt nicht länger erlassen bleiben kann, auch die gefährlichsten Mächte der Gegenwart, die Geldmächte und die Geld-Barone zu bewältigen und mit starker Hand zu leiten und damit den „Frieden" auf dem gewerblichen Gebiete zurückzubringen.
Aus diesem Grunde wollen wir keine importirte Verfassung, weder aus England noch aus Frankreich, am wenigsten — wonach jetzt Vieler Sinn zu trachten scheint — die des kaiserlichen Frankreichs. Wir suchen den Schutz der Unterthanen-Rechte, besonders derer, welche sich selbst nicht zu schützen vermögen, in einer starken und selbstständigen königlichen Gewalt, in der Gewalt, welche allein im Stande ist, wenn auch nicht über den Parteien, doch über allen Interessen zu stehen, und die, wenn sie anders ihren Beruf und ihre Aufgabe in der Gegenwart richtig erfaßt, nie aufhören wird, die Sehnsucht und Hoffnung der Masse des Volkes zu sein. Wir suchen die Freiheit nicht in der Theilung der Souverainetät, jenem Hirngespinnste ideologischer Staatsrechts-Philosophen, jenem anatomischen Präparate der englischen Verfassung, sondern vielmehr in der angemessenen Ordnung und Organisation der Regierungs-Organe und der richtigen Vertheilung der Regierungs-Gewalt. Wir suchen sie nicht in dem Rennen und Jagen nach Stellen und Gehalt, in dem Kämpfen und Haschen um Ministerstühle und Gewalt; wir suchen sie vor Allem und zunächst in der Entwickelung der Communal-Freiheit in Gemeinden, Kreisen und Provinzen, in der Theilnahme des Volkes an der Regierung und Verwaltung in den selbiges zunächst und unmittelbar berührenden öffentlichen Angelegenheiten.
Damit wollen wir indeß die Theilnahme des Volkes an seiner Gesetzgebung in keiner Weise ausgeschlossen wissen: es ist diese Theilnahme in unseren Augen etwas so Natürliches und Gegebenes, daß es der ganzen Verkehrtheit des revolutionären Liberalismus bedurfte, dieselbe so wie geschehen in Mißcredit zu bringen. Freilich wird jene legislatorische Mitwirkung des Volkes nur dann ihrem Begriffe entsprechen, wenn sie von social und politisch selbstständigen, sich selbst regierenden und verwaltenden Corporationen getragen und zugleich von einer Rechtspflege begleitet wird, welche nicht, wie die französirende, die schlimmste Art des „erimirten Gerichtsstandes" für die Beamten reservirt und insbesondere auf dem criminal-rechtlichen Gebiete — des Instituts der Staats — Anwaltschaft einstweilen zu geschweigen — an die Stelle fester bindender Formen, dieses festesten Bollwerkes wahrer bürgerlicher Freiheit, die moralische Ueberzeugung treten läßt, ein richterlicher Grund, der namentlich in politisch erregten Zeiten mit Willkür ziemlich identisch wird.
Nicht minder wird es unsere Aufgabe sein, auf dem gewerblichen und industriellen Gebiete jenen Insinuationen entgegenzutreten, welche uns als beschränkte, unbedingte und unversöhnliche Gegner der Concurrenz und Industrie, des Capitals und der Maschinen, der Banken und ähnlicher Institute der Gegenwart lächerlich und verdächtig zu machen streben.
Wir verwerfen nicht die Concurrenz an sich, wir verwerfen nur die unsittliche und ausbeutende Concurrenz, nicht die Concurrenz, welche den Wetteifer anspornt und den Erfindungsgeist rege macht und in der Bestätigung der freien Persönlichkeit und der Herstellung des freien Werthes das Güterleben gewissermaßen über sich selbst erhebt; nein, nur die Concurrenz, welche, ohne dabei in der Wahl ihrer Mittel sonderlich scrupulös zu sein, lediglich sich selbst und das eigene nächste Interesse als Ausgangs- und Zielpunkt behandelt, „Fußgänger, Wagen und Reiter" auf denselben Weg zusammenzwingt und, indem sie den Schwachen schutzlos in den Kampf mit dem Starken treibt, die Kleinen hier schneller, dort langsamer, aber unerbittlich und rettungslos dem Größengesetze der Capitalien opfert.
Sonst wollen auch wir keine weiteren Beschränkungen und Garantien, als die mit der Sache selbst gegeben sind: Garantien des sittlichen Inhalts der Concurrenz in der corporativen Organisation der Concurrenten und der darauf basirten Selbstregierung und Gegenseitigkeit der gewerblichen Ehre; Garantie der materiellen Basis, indem wir nach dem Vorbilde unserer einsichtigen und besonnenen Väter die statistischen Erfahrungssätze und Gesetze auf dem gewerblichen Gebiete auch wiederum formell als solche sanctioniren.
In gleicher Weise sind wir nicht Feinde des Capitals an sich, weder des kleinen, noch des großen — wir haben es selbst recht gern; auch nicht der Banken und Actien, in welchen letzteren wir bei richtiger Anwendung den Anknüpfungspunkt der Concurrenz des kleinen mit dem großen Capital erkennen, — sondern nur derjenigen Behandlung und Wirksamkeit des Capitals, welche dem Gelde und folgeweise dem Geld-Capital, seiner Natur und Bestimmung zuwider, eine isolirte, selbstständige, von den Bedingungen und Resultaten des ganzen sonstigen Güterlebens und insbesondere der reproductiven Verwendung der Güter, als dem Kernpunkte aller Volkswirtschaft, abgelösete und unabhängige Existenz zuweiset, die Concentration überwältigender Geldkräfte ohne jedes bestimmte concrete Ziel gestattet und einen Zustand ermöglicht, in dem man, anscheinend ausgehend von der Voraussehung, daß das Geld lebendige Junge zur Welt bringe, den Credit als solchen ausbeutet und sich schmeichelt, Capitalien, anstatt durch Stoff und Arbeit, durch Feder und Papier erzeugt zu haben, eine Alchymie, neben welcher der „Stein der Weisen" sich verkriechen muß. Daß „Alles nur Schwindel gewesen", und daß der auf fingirte Capitalien gegründete Credit mit der ersten Reaction der Realitäten spurlos verschwindet: diese Einsicht scheinen wir erst durch bittere Erfahrungen gewinnen zu sollen, Erfahrungen, die um so bitterer werden düfsten, wenn man in der That dazu fortschreitet, nicht bloß den „Verdienst ohne Arbeit und den Reichthum ohne Ehre" von der redlichen Production und Arbeit aufbringen zu lassen, sondern auch die Verluste auf deren Schultern abzuwälzen und die Heilung der schwindelhaften Speculation in deren Steigerung und Vollendung zu suchen.
Ebenso verwerfen wir unserer Seits nur den Industrialismus und den Materialismus, nicht aber den Gewerbefieiß- und die Industrie, deren Nutzen und Annehmlichkeiten wir im vollen Maße zu würdigen wissen und in denen wir auch unserer Seits die theilweise Betätigung der Herrschaft des Menschen über die Natur mit Freuden anerkennen. Wir wollen deshalb auch weder die Eisenbahnen noch die Maschinen, weder den Gewerbefleiß noch den gewerblichen Besitz von der Erde verschwinden lassen. Was wir hinwegthun wollen, ist lediglich die Alleinherrschaft und Alleinberechtigung der Beweglichkeit und des gewerblichen Besitzes; das ist lediglich derjenige Betrieb und Gebrauch des Gewerbefleißes und der Maschinen, welche den Menschen nicht als Zweck, sondern als Mittel, als ein unvollkommenes Stück Maschine betrachten und achten, welche in der maß- und schrankenlosen Steigerung der Production nicht allein sich selbst entwerthen, sondern auch, indem sie die Masse des Volks je länger desto mehr consumtionsunfähig machen, sich selbst den besten Theil ihres Gebietes, den inneren Markt, verschließen und verkümmern.
So wie und so weit wir die Gesetze des socialen und des materiellen Güterlebens erfaßt und begriffen haben, ist es gerade die Eigenthümlichkeit der einen Art des Besitzes und deren Festhaltung, welche die Gefahren der anderen beseitigt und aufhebt, so daß insbesondere der Grundbesitz und der gewerbliche Besitz sich gerade in der Anerkennung und Festhaltung ihres besonderen Charakters gegenseitig bedingen und tragen und mit der Mobilisirung des unbeweglichen Besitzes der bewegliche unvermeidlich dem Schwindel anheimfällt. Selbstredend wollen wir aus demselben Grunde auch nicht die ausschließliche Herrschaft, noch auch nur ein vorwaltendes Uebergewicht einer Art und eines Maßes des Besitzes, also auch nicht des Grundbesitzes. Die wahre, der Idee des entwickelten Lebens entsprechende Ordnung des Besitzes ist allein in dem gleichzeitigen Vorhandensein und in der gleichen Berechtigung aller Arten und Maße des Besitzes wie der Arbeit gegeben, doch mit der Maßgabe, daß die Vertheilung des Grundbesitzes den Charakter der Besitz-Vertheilung überhaupt bestimmt. Nur in der Harmonie der Interessen der Arbeit und des Besitzes, des großen und des kleinen Capitals, nur in der Ueberwindung der selbstsüchtigen Einseitigkeiten der verschiedenen Gesellschaftsklassen ist ein nachhaltiger und segensreicher Fortschritt der Industrie zu finden; jeder andere Weg führt durch Einzel-Reichthum und Massen-Armuth, durch Geld-Götzenthum und Proletariat, durch Klassen-Herrschaft und Klassen-Kampf zur socialen und politischen Auflösung der Staaten und Völker: Wahrheiten und Thatsachen, die demnächst an betreffender Stelle ihre nähere Beleuchtung und Rechtfertigung finden werden.
Hier zum Schluß nur noch zwei kurze Bemerkungen, einmal: warum wir den gegenwärtigen Augenblick zur Herausgabe eines solchen Werkes für besonders geeignet und indicirt betrachten, und sodann, daß wir die Besorgniß nicht theilen, als ob es der conservativen Partei an den geeigneten geistigen und wissenschaftlichen Kräften für ein derartiges Unternehmen gebreche. Woran es der conservativen Partei bisher gefehlt, das war die Möglichkeit und ein Centrum gemeinsamer cooperativer Action, und was insbesondere die jüngeren geistigen Kräfte vielfach gehindert, auf dem Kampfplatze zu erscheinen, das war das Isolirtsein und damit das theilweise Verschwinden und Nichtbemerktwerden der Personen und Bestrebungen, das war der Mangel gegenseitiger Förderung und Unterstützung, der gerade in unserer Zeit mit Rücksicht auf die bekannte Todtschweigungs-Tactik der Gegner doppelt schmerzlich empfunden wird, das war die eigenthümliche Richtung des Buchhandels, der, weil ihm von der anderen Seite weder ein genügender Reiz, noch ein entsprechendes Object geboten wurde, bis in die neueste Zeit mit wenigen principiellen Ausnahmen seine Aufgabe, weil sein Interesse, in der Colportage des Liberalismus fand.
Nach allen diesen Richtungen meinen wir durch unser Werk zwar nicht sofort die Heilung, doch aber den Anfang derselben zu bringen.
Und wenn wir es verstehen, uns in die Zeit zu schicken, dann werden wir eilen, die Pause, welche momentan in der Bewegung und Entwickelung der Staaten und Völker eingetreten ist, auf das Beste zu nutzen und auszukaufen und nicht allein das, was wir bis dahin erkämpft und errungen, in dem Bewußtsein der Völker zu rechtfertigen und zu begründen, sondern auch unsere weiteren Schritte und Eroberungen geistig vorzubereiten. Es ist die deutsche wie europäische Aufgabe Preußens, die Gegensätze der Zeit in sich zum Austrag zu bringen und zugleich in seinem eigenen inneren Abschlüsse die Möglichkeit und Fähigkeit zu einer großartigen Politik Deutschland und Europa gegenüber zu bewahren und beziehungsweise wieder zu gewinnen.
Das Zaudern und Schwanken, das Vermittelnwollen zwischen Deutsch und Wälsch, das Octroyiren und Revidiren, das Ausgleichen demokratisch atomistischer Conceptionen mit den historischen, corporativen, conservativen und aristokratischen Elementen in Volk und Staat, das Abthun der Reste der jüngsten Revolution gleichsam im Verfassungs-Processe mit den Häusern des Landtags, doch ohne die rechte principielle Entschlossenheit und mehr durch Verhältnisse und den vermeintlichen Eindruck bestimmt und getragen: kurz, der Bruch mit der Revolution, ohne doch an die Ueberwindung und Umwandelung nach irgend einem großen Maßstäbe und Principe heranzutreten — das mag eine Zeit lang ein unvermeidliches Uebel gewesen sein. Als dauernder Charakter der preußischen Politik aber würde ein solcher Zustand und eine solche Thätigkeit nicht allein zur Neutralität in auswärtigen Dingen von selbst zwingen, sondern auch in der dauernden Rechts-Unsicherheit und in der fortgesetzten Spannung der politischen Parteien den Glauben an die Stetigkeit und Machtvollkommenheit des preußischen Staatswesens im Volke und nach außen gleichmäßig erschüttern.
Wagener."
Bd. 1 (1859), S. 1–11.