Enzyklothek
Cover für Conversations-Lexikon für Geist, Witz und Humor

Saphir, Moritz Gottlieb (ed.); Glaßbrenner, Adolf (ed.)

Conversations-Lexikon für Geist, Witz und Humor

Herausgegeben von M. G. Saphir und Adolf Glaßbrenner
6 volumes
Dresden; Schäfer 1859-1861

Language

  • german

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Vorwort.

Wenn man „Gelehrsamkeit“ und Wissen, so viel man eben für die „Conversation“ braucht, aus einem „Lexicon“, aus einem Sammelwerk sich aneignen kann, warum sollte man nicht „Witz“ und „Scherz“, das heißt Witz und Scherz als „fait accompli“, als „Lagerartikel“ zum Detail-Ausverkauf nach Bedarf des Momentes aus einem „Lexicon“, aus einem Magazin von aufgespeichertem „Witz“ und „Scherz“ als „Fertige Herren- und Damenpußartikel“ sich aneignen können?!
Warum sollte für Reisende in das Land der Gesellschaft nicht ein Flaschenkeller angefertigt werden, in welchen sie von jeder Sorte gesellschaftlichen Weines, Mostes, Pfeffer und Salzes in Flaschen und Fläschchen zum beliebigen Gebrauch nach Zeit, Ort und Umständen greifen können? Ist doch bei den meisten lebendigen Tafelaufsätzen zur Zierde des Tisches, ist doch bei den meisten Chorführern im Revier der Conversation die „Erinnerung“ ein solcher „Flaschenkeller“, aus dem sie bei passender Gelegenheit den „Mousseux“ und „Non mousseux“ des „Witzes“, der „Laune“ und der „Anecdote" herausziehen und wie Professor Herrmann aus seiner „unerschöpflichen Flasche“ dem Lüsternen Publikum zurufen: „Befehlen Sie ein Gläschen Kümmel? Maraschino? Anisette? Vanille? Cognac? Fusel?“ u. s. w. u. s. w.
Was ist die Gabe der Unterhaltung?! Was braucht der Mensch um „amüsant“ zu sein?! Blutwenig: Gebt dem dümmsten Kerl eine gute, wenn auch noch nicht gehörte Anecdote und jagt ihn damit in eine unserer besseren Gesellschaften und der dumme Kerl macht Furore. Steckt einem Eberskopf von Menschen die Citrone eines bitteren Witzes auf eine lebende Berühmtheit in den Mund und der Eberskopf wird Glück machen?
Ein lustiger Einfall zur rechten Zeit hat schon Vielen das Leben gerettet – z. B. der lustige Einfall, daß schon mancher Tyrann viel früher gestorben ist, bevor er noch einige Hundert hat hinrichten lassen, – eine schlagfertige Antwort ist oft wirksamer als eine schlagfertige Armee und kostet auf jeden Fall weit weniger; und gar die „Anecdoten"! die unser lieber Herrgott erschaffen hat, als er sah, daß der Mensch hat „Sprache“ und „Vernunft“ und ist doch langweilig; als er gesehen hat, daß der Mensch sogar ein Philosoph ist, vom Baum der Erkenntniß und langweilt sich doch; da schuf der liebe Herrgott die „Anecdote"! Er schuf sie wie den lieben Adam aus „Lehm“, er blies ihm keinen Geist ein, weder in die Nase noch in den Bauch, aber er sagte zu ihnen wie zu Adam: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!" und die Anecdoten gehorchten und sind fruchtbar und furchtbar, und sie vermehren sich wie Sand am Meer, wie die Philosophen an der Spree, wie die Belagerungszustände in Deutschland und wie die Conversationslexicone seit Gutenberg's Erfindung.
Rabbi Gamliel hat gesagt: durch drei Dinge erhält sich die Welt, durch Arbeit, Wissenschaft und Barmherzigkeit. Rabbi Gamliel aber war ein Jude, der darf nicht Recht haben; die Welt erhält sich durch Kartoffeln, Papiergeld und Anecdoten!
Wenn es keine Kartoffeln gäbe, könnte kein Mensch mehr Ananas essen, wenn es kein Papiergeld gäbe, würde kein Mensch mehr seinen Kindern einen Begriff von Papiergeld hinterlassen können, und wenn es keine Anecdoten gäbe, so würde kein Mensch auf der Welt mehr zum „Speisen“ eingeladen werden!
So viel Anecdoten der Mensch weiß, so viel Mal ist der Mensch Mensch!
Eine Anecdote gut erzählen, dazu gehört Talent, aber eine Anecdote schlecht erzählen, dazu gehört mehr als Talent, dazu schon Unverschämtheit, eine Mördernatur!
Anecdoten und Spiegelkarpfen sind nur gut, wenn sie kurz sind, und sie müssen schön angerichtet werden, der Vortrag țhut Alles!
Aber der Vortrag läßt sich nicht lernen, sagt man? Der Deutsche lernt Alles! Läßt sich denn die Schafsgeduld lernen? Der Deutsche lernt sie doch! Also kann er auch Anecdoten vortragen lernen!
Dieses „Conversationslexicon“ soll also lehren, wie man launig, scherzhaft, spaßhaft, satyrisch, sarkastisch, witzig und anecdotenartig sein kann, zu jeder Zeit, bei jeder Gelegenheit, in jeder Gesellschaft, an allen Orten, auf alle mögliche Weise, in jeder Gestalt, Morgens, Mittags und Mitternacht, nackt, in Negligé und in Galla, zu Wasser und zu Land und zu Holland, welches beides und keines von beiden ist, in ganz Deutschland inclusive Schleswig-Holstein und Hessenkassels Deputirtenkammer; für alle Religionen, für Jud, Christ, Deutschkatholik, Türk und Gemeinderath u. s. w. u. s. w. Der Käufer oder Abonnent wird in ihm viel Altes und sehr viel Neues finden, er wird das Angenehme haben, eine große Classification der Artikel zu finden, die ihm das Ganze als ein Nachschlagwerk für den Bedarf des Augenblicks lieb und nützlich machen wird! Es ist die „Kunst des Amüsirens“ lexicographisch gegeben und es gibt tausend und tausend Käuze in der Welt, die von Anecdotensammeln Leben und tausend und tausend, denen Süßigkeit es ist, sie zu lesen, sie zu praktiziren. Für diesen großen Kreis ist in diesem Unternehmen Alles zusammengefaßt, was bis jetzt einzeln in mehr oder minder sorgfältiger Auswahl erschienen ist, dabei ist ein Reichthum neuer und neuester Sachen und Pikanterien zugefügt worden, so daß jeder gewiß etwas Neues und ihn Anziehendes finden dürfte.
Das Material wurde vom Verleger aus der Nachlassenschaft eines Literaten angekauft, und ich beehrt, dasselbe nach Geschmack und Ordnung zu sichten.
Ueber jeden Buchstaben flechte ich eine humoristische Abhandlung ein und werde ich dieselben, wie alle Artikel, die von mir selbst eingereihet sind, mit meinem Namen bezeichnen.
Wien, am 1. August 1851.
M. G. Saphir.
Die Pietät Für den verstorbenen berühmten Humoristen bewog mich, sein Vorwort zur ersten Ausgabe dieser Sammlung, an welche Saphir nicht eben große Mühe wandte, getreu wiederzugeben. Das „Lexicon" selbst erscheint in dieser zweiten, von mir redigirten, Auflage durchaus verändert und reichvermehrt, und wird mindestens meinen und meiner Herren Mitarbeiter Fleiß nicht verkennen lassen.
Berlin, am 6. Ianuar 1859.
Adols Glaßbrenner.
Bd. 1 (1859), S. V-VIII.