Gemeinnütziges Lexikon für Leser aller Klassen
Besonders für Unstudierte. Oder kurze und deutliche Erklärung der, in mündlichen Unterhaltungen und in schriftlichen Aufsätzen gebräuchlichsten Redensarten, Ausdrücke und Kunstworte, in alphabetischer Ordnung. Mit einem Verzeichniß der Worte, welche anders ausgesprochen als geschrieben werden, und mit einer Erklärung der gebräuchlichen Abbreviaturen
Von Johann Ferdinand Roth, Diakon an der Haupt-Pfarrkirche zu St. Sebald in Nürnberg
2 volumes
Halle (Saale); Renger 1807
Language
- german
Uniform title
Parallel title
- Johann Ferdinand Roth, Diakons bei St. Jakob, gemeinnütziges Lexikon für Leser aller Klaßen
References
Volume division
Vorrede.
Es ist bekannt, daß nicht nur in mündlichen Unterhaltungen, sondern auch vorzüglich in wissenschaftlichen Aufsätzen, historischen Erzehlungen, Journalen, Monatschriften, Zeitungen u. d. g. häufig solche Worte vorkommen, die für Unstudierte und für den gemeinen Mann unverständlich sind. Sollen die ruhmwürdigen Bemühungen der Gelehrten, welche unter allen Volksklassen Aufklärung zu verbreiten und zu befördern suchen, ihre volle Wirkung hervorbringen; so ist es nöthig, daß der Unstudierte und der gemeine Mann ein Buch an der Hand habe, in welchem er Kunstworte und solche Ausdrücke, die aus andern Sprachen entlehnt sind, erklärt findet.
Es fehlet zwar nicht an Hülfsmitteln, dergleichen Kunstausdrücke und ausländische Redensarten verstehen zu lernen; fast für alle Wissenschaften und Künste sind Verbal- und Real-Wörterbücher vorhanden. Allein diese beschäftigen sich entweder nur mit einer gewissen Sprache, und handeln oft nur von einem einzelnen Hauptgegenstande, oder sie sind, wenn sie ins Allgemeine gehen, so weitläufig, und folglich so kostbar, daß sich die Wenigsten dergleichen Werke anschaffen können.
Dem grösten Theile des lesenden Publikums fehlte es also noch immer an einem Buche, in welchem nicht nur die am häufigsten vorkommenden, aus fremden Sprachen entlehnten Ausdrücke und Redensarten, Anspielungen auf alte Gebräuche, auf die Geschichte u. s. w., sondern auch die, in kirchlichen, politischen und häuslichen Gegenständen, besonders im Fache des Militaire, der Architektur, der Oekonomie und Industrie, der Naturlehre, der bildenden Künste, der Philosophie und anderer Wissenschaften gebräuchlichen Kunstworte (Terminologien), so kurz und deutlich, als es möglich ist, erkläret sind, und das doch auch zugleich so wohlfeil wäre, daß es von Jedermann, selbst von dem gemeinen Manne, leicht angeschaft werden könnte.
Das Bedürfniß eines solchen täglichen Handbuchs ist um soviel sichtbarer, da die Lektüre immer allgemeiner wird und sich selbst unter den mittlern Volksklassen immer mehr verbreitet, wozu besonders die häufig erscheinenden periodischen Schriften Veranlassung geben. Und es ist nicht zu läugnen, daß durch diese sehr viel Gutes in der Welt gestiftet wird, indem aus den Köpfen der Menschen verjährte Vorurtheile schwinden, der allgewaltige Aberglaube immer mehr von seiner Herrschaft verliert, und der Mensch auf seine Würde, auf seine natürliche Freyheit, auf seine unzuveräussernden Rechte immer aufmerksamer gemacht wird. Diese Vortheile, welche die Lektüre verschaft, sind nicht zu verkennen, wenn man gleich zugestehen muß, daß auch sie — wie alles Menschliche mit manchen Nachtheilen verbunden ist. Inzwischen sind die guten Folgen der sich verbreitenden Lektüre so wichtig und so unverkennbar, daß sie den Schaden, den allenfalls der Mißbrauch der Lektüre veranlassen mag, unendlich ersetzen. Wahre Aufklärung hassen nur diejenigen, welche es leichter und vortheilhafter finden, über dumme Menschen zu herrschen, um sie zur Befriedigung ihres despotischen Sinnes und ihres unersättlichen Eigennutzes mißbrauchen zu können. Nur Despoten und die zahllosen Schaaren ihrer Helfershelfer verschreyen die Aufklärung, als ob sie — das gröste Uebel sey, das in der heutigen Welt vorhanden ist.
Jeder aufgeklärte, biedere, freye, deutsche Mann aber wird sich durch das Geschrey und durch das Gekrächze der Despoten und ihrer Speichellecker, welche die Finsterniß in den Menschenköpfen lieber sehen, als das Licht, sich in seiner Bemühung, das Volk aufzuklären, nicht irre machen lassen, sondern immer und überall wirken, daß der Menschengeist aufgeklärt, das schlummernde, — durch Despotendruck fast erstickte Freyheitsgefühl erweckt, und das Reich des Aberglaubens immer mehr geschwächt wird.
Fand sich Gelegenheit, den Aberglauben aller Art, der noch immer in Deutschland, hie und da, spuckt, zu bestreiken, so suchte ich demselben entgegen zu arbeiten; z. B. dienen die Artikel: Januarius-Blut, Luftzeichen, Magie, Nestelknüpfen, Verschreiben, Wetterscheide, Zauberspiegel u. a. m.
Damit die Arbeiten und Bemühungen der Gelehrten besser wirken, — damit ihre Aufsätze und Schriften leichter verstanden werden können, — damit der Unstudierte und der gemeine Mann von der Lektüre nützlicher Bücher, wegen der darin vorkommenden unverständlichen Worte und Redensarten, nicht abgehalten werden möge, habe ich die mühevolle Arbeit übernommen, dieses gegenwärtige Wörterbuch zusammenzutragen. Daß dasselbige ein Bedürfniß unserer Zeiten sey, läßet sich vielleicht daraus schließen, daß bey der Erscheinung der ersten Auflage der erste Theil dieses Wörterbuchs sich schon vergriffen hatte, als noch an dem zweiten Theile gedruckt wurde, und daß die zweite Auflage, ob sie gleich stark war, dennoch in einem Zeitraume weniger Jahre so viele Liebhaber fand, daß schon seit geraumer Zeit an die Veranstaltung einer neuen Auflage gedacht werden muste.
Dieser Beyfall, welchen das Publikum dem Werke schenkte, ermunterte den Verleger, diese dritte Auflage zu veranstalten, und mir den Auftrag zu geben, dasselbige zu vermehren, zu verbessern und zweckmässiger einzurichten. Ich scheute keine Mühe, diesen Auftrag zu erfüllen, und eine Vergleichung der gegenwärtigen Auflage mit der vorigen wird das Publikum am besten belehren, ob mein Vorgeben gegründet sey oder nicht.
Geographische Artikel nahm ich nicht auf, weil dieses Bedürfniß durch das Jägersche geographisch-statistische Zeitungs-Lexikon, wovon in eben dieser Buchhandlung durch die Bemühung des berühmten Herrn Prof. Mannerts eine abermalige neue Auflage erscheint, vollkommen befriedigt worden ist.
Bey Veranstaltung der gegenwärtigen neuen Auflage gieng ich jeden Artikel einzeln durch und verbesserte da, wo es mir nöthig zu seyn schien. Bey den — in die Rechtswissenschaft einschlagenden Artikeln zog ich meinen vieljährigen schätzbarn Freund, Herrn D. und Prof. Siebenkees in Altdorf, zu Rathe und benützte seine Erklärungen, welcher auch die Güte hatte, diese Auflage mit mehrern neuen Artikeln zu bereichern.
Bey meiner eigenen fortgesetzten Lektüre und bey dem Umgange mit Menschen verschiedener Klassen war ich aufmerksam auf alle Worte, die sich für mein Lexikon eigneten, und war bemüht, mir von denselben richtige Begriffe zu verschaffen, um sie für die Besitzer desselben gehörig erklären zu können. Viele neue Artikel schuf die unglückliche französische Revolution; man wird dergleichen viele hier finden.
Dankbar benützte ich zu meiner Arbeit des verdienstvollen Herrn Hofraths Becker Nationalzeitung; Jablonskies Allgemeines Lexikon der Künste und Wissenschaften; vermehrt von J. J. Schwaben (Königsb. 1767. 4.); die Frankfurtsche deutsche Encyclopädie; D. Krünitz ökonomische-technologische Encyclopädie; Jacobsons technologisches Wörterbuch; das Conversations-Lexikon (Leipzig 1796, 8); das Berlinische Frauenzimmer-Lexikon (Berlin, 1800, 8.); das allgemeine Wörterbuch &c. v. J. C. A. Heyse (Oldenburg, 1804, 8) und des Herrn D. E. F. C. Oertel's gemeinnütziges Wörterbuch, (Ansbach, 1804,gr. 8). Der berühmte Pariser Arzt, Herr D. Saiffert, hat seinem Werke von den Suchten einen „Wörterbuchsbeitrag zur Arzneylehre. Fränzisch und Deutsch beygefügt; auch dieses Hülfsmittel blieb von mir bey meiner Arbeit nicht unbenützt.
Am Ende findet man eine Erklärung der bekanntesten und gebräuchlichsten Abbreviaturen (Abkürzungen), und ein Verzeichniß derjenigen Wörter, die anders ausgesprochen, als geschrieben werden. Wegen dieses Verzeichnißes aber muß ich die Bemerkung beyfügen, daß der Laut (Ton) eines und ebendesselben Vokals nicht in allen Provinzen Deutschlands gleich ist, und daß ich bey der Bestimmung und Angabe zunächst auf mein Vaterland Rücksicht nehmen muste.
Die Besitzer dieses Buchs belieben von den — zu Ende angezeigten Schreib - und Druckfehlern gehörigen Orts Gebrauch zu machen; die übrigen nöthigen Verbesserungen und Zusätze sollen zu Ende des zweiten Bandes beygefügt werden.
Zum Schluße wiederhohle ich meinen Wunsch, daß meine Arbeit, in dieser neuen Gestalt, mit eben der Güte und Nachsicht wie in der vorigen, von dem Publikum aufgenommen und daß mein beabsichtigter Endzweck, Aufklärung zu befördern, die Verbreitung mannigfaltiger Kenntniße zu erleichtern, und eben dadurch die Macht der Vorurtheile und des Aberglaubens zu schwächen, bey sehr Vielen erreicht werden möge.
Nürnberg im September 1805.
Der Verfasser.
Bd. 1 (1807), S. III-VIII.
