Nathusius-Ludom, Philipp von (ed.)
Deutsche Encyklopädie
Ein neues Universallexikon für alle Gebiete des Wissens
Philipp von Nathusius-Ludom, Redakteur für Naturwissenschaft Eberhard Dennert
3 volumes
Leipzig; Grunow 1886-1889
Language
- german
Uniform title
References
Volume division
Bd. 1. A - Azzo. 1886
Bd. 2. B - Brandeln. 1888
Bd. 3. Brandenburg - Dalmatica. 1889
(Mehr nicht erschienen.)
Vorwort.
"Das erste Erfordernis, welches an ein wissenschaftliches Werk und also auch an ein wissenschaftliches Sammelwerk gestellt werden muß, ist die Zuverlässigkeit seines Inhalts. Diese wird vor allem dadurch geboten, daß die Autoren, welche die einzelnen Teile des Werkes verfaßt haben, mit ihren Namen für ihre Beiträge eintreten. Deshalb finden wir auch in den für die einzelnen Wissenschaften bestimmten Realencyklopädien die Artikel von ihren Verfassern gezeichnet. Derselbe Grundsatz auf ein Universal-(Konversations-)lexikon angewendet, und zwar unter möglichster Verteilung des Stoffes bis in die speziellsten Gebiete an wirkliche Fachmänner und Autoritäten, liegt der Deutschen Encyklopädie zu Grunde, deren ersten Band wir hiermit dem deutschen Volke übergeben.
Daß eine derartige Einrichtung, welche gleich im Anfange zu der Zahl von fünfhundert Mitarbeitern geführt hat, praktisch auf große Schwierigkeiten stoßen mußte, ist leicht begreiflich. Aus diesem Grunde sind sich auch die Hefte des ersten Bandes nicht so schnell gefolgt, wie es in Aussicht genommen war. Diese technischen Schwierigkeiten sind jetzt jedoch soweit überwunden, daß die Beendigung des ganzen Werkes innerhalb vier Jahren in sicherer Aussicht steht. Mit der Aufgabe, sich eines so komplizirten und umfangreichen Apparates bedienen zu müssen, stehen auch einzelne Unvollkommenheiten des ersten Bandes in Zusammenhang. Die Redaktion würde mit Rücksicht auf die großen Schwierigkeiten der Ausführung, die vorher nach keiner Richtung hin ganz zu übersehen waren, auch mit weniger Zuversicht vor das Publikum treten, wenn sie nicht andererseits das Bewußtsein hätte, dem deutschen Volke in den Tausenden von größeren und kleineren Originalbeiträgen eine solche Fülle gelehrten, aufklärenden, nach jeder Richtung hin interessanten Materials vermittelt zu haben, wie es in gleicher Weise bisher noch niemals der Fall gewesen sein dürfte.
Daß es gelingt, den reichhaltigen Stoff aus einem den vorhandenen großen Konversationslexiken gegenüber so beschränkten Raume zusammenzufassen, liegt in dem eigenartigen Plane der Deutschen Encyklopädie, dessen Schwerpunkt in der Zusammenfassung des Stoffes zu größeren Übersichtsartikeln beruht, welche die Ergebnisse der neuesten Forschung mitteilen, die historische Entwickelung, die zu diesen Ergebnissen geführt hat, skizziren und dadurch einen wirklichen Einblick in die verschiedenen Gebiete des Wissens gewähren. Diese Verlegung des Schwerpunktes auf umfangreichere Übersichtsartikel hat uns nicht allein die Mitarbeiterschaft zahlreicher Koryphäen der deutschen Wissenschaft verschafft, sondern auch eine Menge von Wiederholungen erspart, welche bei größerer Trennung und Zerstückelung des Stoffes nötig gewesen wären. Die kleineren Artikel können nun lediglich als Ergänzungen der größeren austreten, von diesen getrennt, um ihre Übersichtlichkeit nicht zu stören und die lexikographische Einteilung überall herzustellen, wo nicht zu befürchten ist, daß der Zusammenhang eines Gesamtbildes durch die Absonderung verloren geht. Auch bei diesen ergänzenden Einzelartikeln werden dann, soweit es irgend angeht, unnötige Wiederholungen, welche sich in allen übrigen Konversationslexicis vorfinden, vermieden. So dienen z. B. die biographischen Artikel der Regenten nur zur Charakterisirung ihrer Persönlichkeit und ihrer persönlichen Erlebnisse, bringen aber nichts über die Geschichte des Landes, während die Geschichte des Landes wieder nichts enthält, was in die etwa einschlagende, von einem Spezialisten bearbeitete Kriegsgeschichte gehört. Die sehr zahlreichen, kleineren biographischen, historischen, geographischen, technischen &c. Artikel werden in eine möglichst knappe Form gefaßt, aber, wenn irgend angänglich, mit ausreichenden Quellenangaben versehen, wie denn überhaupt auf die reichliche und genaue Angabe der betreffenden Litteratur die größte Sorgfalt verwendet wird. So soll das Werk durch diese zahlreichen kleineren Artikel die Aufgabe eines reichhaltigen Nachschlagebuchs erfüllen, das einerseits eine sorgfältige kurze Orientirung gibt, wie sie in den meisten Fällen allein verlangt wird, andererseits aber auch Fingerzeige enthält für den, welcher sich gründlicher über den Gegenstand unterrichten will.
Dieser Plan macht selbstverständlich zahlreiche Verweise von Artikel zu Artikel nötig und noch mehr einfache Verweise auf die größeren Artikel. Doch wird der komplizirte Mechanismus mit solcher Sorgfalt behandelt, daß der Leser stets gleich beim ersten Verweis in ausreichender und sicherer Weise geleitet wird.
Weil nun nach unserem Plane in den großen Artikeln über die Weltteile Afrika, Amerika, Asien, Australien alles Geographische und Ethnographische bis auf diejenigen Einzelheiten, welche nicht zum Gesamtbilde gehören (einzelne Flüsse, Städte, Stämme c.), und bis auf die politischen Verhältnisse und Einteilungen vorweg genommen worden ist. und von Europa, welches der eingehenderen Behandlung wegen keinen derartigen Übersichtsartikel erhält, sondern in größere Abschnitte zerlegt wird, das geologische Hauptstück, die Alpen mit der Alpenflora aller Weltteile im ersten Bande enthalten ist, weil ferner auch in dem großen, aus 14 Originalartikeln zusammengesetzten Aufsatz über „Adel" ein großer Teil der Kultur- und Verfassungsgeschichte Europas im voraus behandelt worden ist, weil endlich das ausgedehnte Verweisungssystem überhaupt vielfach zur Vorwegnahme des Stoffes in dem Falle führt, wenn keine prinzipielle Entscheidung für die Behandlung des Gegenstandes unter einem erst später folgenden Stichworte spricht, mußte dem Buchstaben A. der in den Realencyklopädien durchschnittlich den zehnten Teil des Ganzen einnimmt, ein etwas größerer Raum zugeteilt werden. Doch wird hierdurch der gleichmäßigen Durchführung der weiteren Bände kein Abbruch geschehen, da diese durch die angeführte Vorwegnahme des Stoffes entsprechend entlastet worden sind.
Für diejenigen Artikel, welche nicht unterzeichnet sind, übernimmt die Redaktion die Verantwortung. Dies sind meist nur kurze Erklärungen und Angaben, welche mit dem Namen des Autors zu decken nicht nötig erschien. Doch sind öfters selbst ganz kurze Artikel unterzeichnet worden, wenn der besondere Stoff es wünschenswert erscheinen ließ, die fachmännische Autorität anzugeben. Einige Mitarbeiter pflegen kleinere Artikel, denen keine eigenen Spezialstudien zu Grunde liegen, nur mit dem Anfangs- oder Schlußbuchstaben ihres Namens zu zeichnen. Ferner sind auf dem Gebiete der neuesten Geschichte manche Artikel und besonders auch Biographien vielfach nur mit einer Chiffre gezeichnet. Je näher der Autor in solchen Fällen dem Gegenstande steht, um so weniger läßt sich oft die Anonymität vermeiden, um so williger übernimmt aber auch die Redaktion die Verantwortung für diese Artikel.
Die Deutsche Encyklopädie ist für die gesamte deutsche Nation bestimmt. Es wird daher nicht nur den Verhältnissen des Deutschen Reiches, sondern auch denen des österreichischen Kaiserstaats und der Schweiz ganz besondere Ausmerksamkeit gewidmet. Vergessen wird dabei aber nicht, daß deutsche Stammesbrüder auch in den Ostseeprovinzen, in Nord- und Süd-Amerika und unter manchen anderen Himmelsstrichen noch in größeren oder kleineren Kolonien wohnen, und daß unsere Stammesverwandten an den Mündungen des Rheins, jenseit des Kanals und an den nordischen Küsten naturgemäß Interesse an einem Werke haben müssen, das durch seinen Mitarbeiterkreis ein Nationalwerk des deutschen Volkes zu werden verspricht. Da die geistigen Kämpfe über die höchsten Fragen der Menschheit nirgends so gründlich und tief ausgefochten werden, wie in unserem Vaterlande, und daher der Reichtum individuellen Gesondertseins und geistiger Gegensätze auch in der kirchlichen Trennung unserer Nation ihren Ausdruck findet, so bemüht sich die Deutsche Encyklopädie, den paritätischen Standpunkt durchaus festzuhalten. Die Mitglieder der römisch-katholischen Kirche werden daher weder eine anstößige Parteilichkeit noch eine empfindliche Lücke in dem, was sie interessirt, finden. Auch die große, sich noch immer mehrende Anzahl hervorragender katholischer Mitarbeiter bürgt der Redaktion für die Erreichung dieses Zieles. Von diesem paritätischen Boden aus stellt die Deutsche Encyklopädie sich die Aufgabe, in positivem Sinne bauen zu helfen an den großen Kulturaufgaben der deutschen Nation auf dem gesamten Gebiete des geistigen, wirtschaftlichen und nationalen Lebens. Denn nicht im Niederreißen, sondern im Bauen besteht der Fortschritt.
Von Osten und Westen droht unserer Kultur ein Geist abstrakter Verneinung und wilder Zerstörung, der weder wissenschaftlich ist, noch sich praktisch fruchtbar erweist für das Gedeihen der Völker. Da nun die germanischen Stämme Mitteleuropas berufen sind, zum zweiten Male entscheidend in die weltgeschichtliche Entwickelung einzugreifen, muß es unsere Aufgabe sein, auch auf wissenschaftlichem Gebiete der Überflutung jenes verneinenden und zerstörenden Geistes Thaten entgegenzustellen, in der arbeitsamen, streng nüchternen und doch mit hohem, idealem Streben gepaarten Weise, welche das wertvolle Erbe unserer Väter ist.
Die Redaktion."
