Bequemes Correspondenz- und Conversations-Lexicon
Worinnen Die meisten frembden Wörter, und Redens-Arten, welche bey der Handlung, in Zeitungen und gemeinen Umgang täglich vorkommen und eingeführet sind, Nach Ihren eigentlichen Verstand erkläret und nebst andern nützlichen Sachen abgehandelt werden. Ein denen Kauff-Leuten, Factorn, Handels-Bedienten und Zeitungs-Liebhabern, wie auch dem Frauenzimmer höchst-nothwendiges Werck
Heraus gegeben von Antonio Moratori, Sprach-Meistern
Nürnberg; Monath 1727
Language
- german
Uniform title
Authority Data (Author)
- GND: 1129286754
- VIAF: 3915149198256874940000
References
Nach Stands-Gebühr geehrter Leser.
Es kan zwar selbst das Titul-Blat schon die Stelle einer Vorrede vertretten: sintemal selbiges den Innhalt dieses Werckgens zur Genüge anzeiget, jedoch weil der Gebrauch solches erfordert; hat es auch hie daran nicht ermangeln sollen, mehr dem Leser dadurch einigen Unterricht zu geben, als unser Vorhaben herauszustreichen: Sintemaln ja die besten Bücher ihrer beredten Vorrede ungeachtet, dem Urtheil anderer Leute nicht entfliehen können, und offt ein einiger verkehrter Buchstabe genug ist, dem Leser Verdruß zuerwecken: Derohalben billig zweifle, daß gegenwärtige meine Arbeit gütiger, als alle andere tractirt werden sollte: Wiewohl hierbey zu meinen Trost dienet, daß je verständiger der Leser, desto moderater insgemein desselben Urtheil zufallen pflege.
Wir leben in einen Seculo, da fast jedermann einen Eckel vor seiner Sprache hat, und selbige mit einer andern zuvermischen Belieben träget; nicht nur Kauffleute, sondern auch Damen sind gewohnt ihre Briefe und Reden mit vielen Frantzösisch- Italiänisch- und Lateinischen Flickwörtern auszustaffiren: mit einem Wort, es giebt wenig Sprachen, welche sich von allen andern rein zu seyn rühmen können. In der Lateinischen finden sich viele Griechische, die Italiänische behält viele Lateinische, und die Frantzösische hat nicht nur als halb Lateinische von dieser, sondern auch der Italiänischen viele Wörter, welche die Römer, da sie sich Gallien unterworffen, eingeführet haben. Die Spanische ist völlig von der Lateinischen, Gothischen und Arabischen zusammen gesetzet, als welche Völcker nach einander viele hundert Jahre selbiges beherrschet, und folglich eine solche Vermischung der Sprachen hineingebracht. Die teutsche Sprach ist mehr aus Gewohnheit, als Noth voll fremder Redens-Arten (Frantzösisch Italiänisch- und Lateinischer) ohne daß sie derselben benöthiget wäre, und so man sich nur vereinigte, diesen Mischmasch nicht mehr zugestatten, sollte es gar leicht seyn, ganze Reden und Bücher zu verfertigen, ohne ein einiges Wort, welches nicht rein teutsch, zugebrauchen: Alleine gleichwie es hierzu bißhero sich wenig angelassen, auch wohl in das künfftige ein schlechtes Ansehen hat; also ist eben dieses eine Gelegenheit, gegenwärtiges Werck zu verfertigen, gewesen.
Indeme ich mich aber unterfange, dieses Lexicon an das Licht zu stellen, geschiehet solches nicht in der Meinung, mich unter die Gelehrten zu zehlen, sintemal mir meine wenige Kräffte viel zu bekannt, als daß ich auf dergleichen Gedancken kommen, und mich als einen Anfänger andern berühmten Autoribus, welche über den Büchern grau worden, an die Seite setzen sollte. Die Ursache ist vielmehr das Verlangen einiger Personnen, welche mir diese Arbeit, als sehr nützlich recommendirt und aufgetragen, zu erfüllen, denen ich dann auch bey dieser Gelegenheit, vor das gute Vertrauen, so sie hierinnen auf mich gesetzet, meine Ergebenheit zu bezeigen und offentlichen Danck abzustatten nicht umhin kan.
Ich gestehe auch gar gerne, daß selbst persuadirt bin, es werde dieses Werck so glücklich seyn, gleichwie allen Liebhabern dieser schönen Sprache, also vornehmlich dem Frauenzimmer, einige sowohl nützliche als angenehme Dienste zu leisten, und soll mich von Hertzen ergötzen, wann ich finden werde, daß mich diese meine Hoffnung nicht betrogen, und zumaln auch diejenige, welchen die hierinn enthaltene Sachen nicht mehr fremd sind, gleichwohl einigen Gefallen daran tragen.
Ich lebe demnach der Hofnung, daß wohlgesinnte Gemüther dieses Vorhaben nicht tadeln, sondern auf das wenigste mit denen Worten Horatii entschuldigen werden. (a) Scribimus indocti doctique. Oder wie es Virgilius ausdrücket. (b) Inter strepit anser olores.
Von dem Nutzen dieses Werckgens, wie ich bereits oben gemeldet, will nicht vieles erinnern, sondern selbiges dem Urtheil des verständigen Lesers anheim gestellet seyn lassen, und statt dessen, zum Beschluß, etwas weniges von der Orthographie deren mich bedienet, gedencken. Ich verlange niemand Gesetze vorzuschreiben, und kan sich jedweder diejenige Meinung belieben lassen, welche ihm die beste zu seyn düncket, gleichwie auch ich gethan und zu meiner Vertheidigung nur so viel sage, daß wenn noch einige geschickte Leute sind, welche die doppelten Buchstaben in denen Wörtern, da sie nicht ausgesprochen werden, beybehalten, hingegen auch andere, welche dieselben, als überflüßig weglassen, zu finden seyen.
Anbey halte noch vor nothwendig anzumercken, daß wir uns an die unnützlich-neuerfundene Redens-Arten nicht zu kehren haben; sintemaln selbige nur eine kurze Zeit dauren und sich gleich einen fortschießenden Bach, ehe man dasselbe vermuthet, wieder verliehren. Derohalben ich durchaus nicht loben kan, wenn man gute Wörter alsobald verwirfft, und schlimmere an deren Stelle substituiret, aus keiner andern Ursache, als weiln diese noch neu und erst vor kurtzer Zeit entsprungen: Wie denn in diesen Stuck ein berühmter Frantzösischer Autor (c) um nicht wieder die eingeführte Gewohnheit, welche er einen Tyrannen derer Sprachen nennet, zu handeln, sich einer artigen Maxime zu bedienen wuste.
Ubriges hat man auch um nichts, was dieses Wörter-Buch recommendiren könne, zu unterlassen vor gut befunden, das genus nominum m. f. c. das ist, masculinum, foemininum & commune, wie auch die Qualitatem verborum activorum, passivorum oder reciprocorum beyzufügen.
Endlich bitte, wenn ja wider meinen Willen und alles möglichen Fleisses, den ich angewendet, ungeachtet, einige Fehler mit untergelauffen seyn sollten, gegen mich nicht mit allzugrosser Schärfe zu verfahren. Wie ich dann deßwegen bey dem geehrten Leser gar leichtlich Pardon zu erlangen verhoffe, und woferne solches meines Wunsches, welcher auf eine geneigte Aufnehmung dieses Werckgens zielet, theilhafftig werde, fernerhin und zwar nächstens mit einer gleichfals nützlich und nöthigen Arbeit aufzuwarten verspreche.
Bediene dich demnach, geneigter Leser, dieser Gelegenheit, lasse dir gefallen aus gegenwärtigen Buch, welches du als eine bunte Wiese betrachten kanst, hie und da einige phrases auszulesen, und gebrauche selbige gleich angenehme Blumen, zu deinen Nutzen oder Ergötzen: sintemaln ich das nützliche mit dem angenehmen vermischet. (d)
Die Belohnung, welche hievor verlange, ist nichts anders, als daß ich bitte, mir gewogen zu verbleiben: indeme ja die Liebe mit Liebe belohnet zu werden pfleget. In welcher Hoffnung allezeit verharre
Des geehrten Lesers
gehorsamster Diener
Antonius Moratori.
a) Horat. Lib. II. Ep. I. v. 117.
b) Virgil. Ecl IX. v. 36.
c) Monsieur de Vaugelas.
d).Horat. De arte poetica: qui miscuit utile dulci.
