Enzyklothek
Cover für Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Geschichte

Krug, Wilhelm Traugott (ed.)

Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Geschichte

Nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft bearbeitet und herausgegeben
5 volumes
Leipzig; Brockhaus 1832-1838

Language

  • german

Authority Data (Author)

References

Volume division

Bd. 1. A - E. 1832
Bd. 2. F - M. 1833
Bd. 3. N - Sp. 1833
Bd. 4. St - Z. 1834
Bd. 5,1. Supplemente von A bis L. 1838
Bd. 5,2. Supplemente von M bis Z. 1838

Vorrede zur zweiten Auflage*).

Indem ich dem Publicum diesen vierten und letzten Band meines philosophischen Wörterbuchs übergebe, kann ich nicht umhin, meinen Dank für die größtentheils beifällige Aufnahme desselben auszusprechen - eine Aufnahme, die sich vorzüglich dadurch bewährt hat, daß in so kurzer Zeit eine neue Auflage nöthig geworden. Zwar haben sich auch hin und wieder Klagen vernehmen lassen. Das befremdet mich aber gar nicht, weil ich es sehr natürlich finde und daher auch nicht anders erwartet habe. Wer möchte allen Anfoderungen oder Wünschen bei einem so umfassenden Werke genügen! Zwei oder drei Vorwürfe sind es indessen, über welche ich dem Publicum einige Rechtfertigung schuldig zu sein glaube. Denn ich mag das hochmuthige Wesen nicht leiden, welches jeden Vorwurf durch vornehme Verachtung von sich zu weisen sucht.
Einige haben über zu große Kürze geklagt und daher eine größere Ausführlichkeit gewünscht. In dieser Hinsicht muß ich aber auf die Vorrede zum ersten Bande zurück verweisen. Ich bin nämlich noch immer der Meinung, daß man in einem solchen Wörterbuche durchaus nur augenblickliche Belehrung über einzele Gegenstände der Wissenschaft mit Nachweisung der Schriften, wo man weitere Belehrung finden könne, zu suchen habe. Wer mehr verlangt, muß sich eben an diese Schriften halten, darf sich also nicht beklagen, wenn er im Wörterbuche selbst nicht findet, was er darin nicht suchen sollte, und was ich daher auch geben weder wollte noch konnte. - Man wolle doch bedenken, daß dieses Wörterbuch 5 - 6000 Artikel enthält, unter welchen sich 13 - 1400 historisch-literarische befinden. Eine größere Ausführlichkeit würde daher dem Werke eine so ungebürliche Ausdehnung gegeben haben, daß es wahrscheinlich bei meinem schon ziemlich vorgerückten Lebensalter das Schicksal anderer Werke der Art gehabt haben würde - nicht vollendet zu werden, oder auch, wenn vollendet, für einen großen Theil des Publicums nicht mehr käuflich zu sein. Und das ist doch wahrhaftig bei der Menge von Büchern, welche heutzutage in den literarischen Verkehr gebracht werden, ein sehr wohl zu berücksichtigender Umstand.
Andre haben dagegen über zu große Vollständigkeit geklagt und daher die Weglassung mancher Artikel gewünscht. Nun will ich zwar nicht behaupten, daß gerade alle Artikel durchaus nothwendig seien. Allein leugnen möchť ich doch, daß irgend ein Artikel in diesem Wörterbuche zu finden, der schlechterdings ungehörig oder überflüssig wäre. Man hat z. B. die Aufnahme des Artikels Castration getadelt. Ist denn aber eine in der Menschenwelt so weit verbreitete, das Recht und selbst das Dasein der Menschheit bedrohende, Gewohnheit nicht der Mühe werth, auch philosophisch beurtheilt zu werden? Dasselbe gilt vom Charlatanismus, der sich ja ebensowohl in die Philosophie eingeschlichen hat, als in andre Wissenschaften und Künste. Ich bin daher vielmehr der Meinung, daß noch gar manche Artikel in dieses Wörterbuch hätten aufgenommen werden können und auch sollen.
Indessen ist, was diesen Mangel betrifft, demselben schon früher durch einen besondern Supplementband, welcher viele Verbesserungen und Zusätze enthielt, jetzt aber noch mehr durch eine Menge neuer Verbesserungen und Zusätze abgeholfen worden. Diese Zusätze aber sind nicht bloß den alten Artikeln eingeschaltet, sondern es sind daraus auch viel neue oder wenigstens neu ausgearbeitete Artikel entstanden**) Da nämlich die Philosophie (und folglich auch deren Literatur und Geschichte) eine nie zu vollendende, nie in sich selbst fest abgeschlossene, sondern stets lebendig fortschreitende Wissenschaft ist: so kann auch weder irgend ein philosophisches System noch irgend ein philosophisches Lexikon diese Wissenschaft in ihrer Vollendung darstellen. Es kann sich dem Ziele oder dem Ideale, welches der Philosoph in sich trägt, immer nur annähern, ohne es je zu erreichen. Daher sagt schon Seneca im 64. Briefe an den Lucilius sehr richtig in dieser Beziehung: Multum adhuc restat operis, multumque restabit, nec ulli nato post mille secula praecludetur occasio aliquid ad. huc adjiciendi. Es wird daher auch künftig bei etwanigen neuen Auflagen dieses Wörterbuchs nicht an Stoff zu anderweiten neuen Verbesserungen und Zusätzen fehlen***).
Was nun aber die gegenwärtige Auflage insonderheit betrifft, so bin ich bei deren Einrichtung doch in einem Puncte von dem ursprünglichen Plane abgewichen. Diesem zufolge sollten die vier ersten Bände als das Hauptwerk immer unverändert bleiben, alle Verbesserungen und Zusage aber in den fünften oder Supplement-Band aufgenommen werden, damit die Besitzer der ersten Auflage des Hauptwerkes immer nur diesen Band nachzukaufen hätten. Gegen eine solche Einrichtung haben sich aber mehre Stimmen, auch öffentlich, erhoben, indem sie dieselbe für unbequem zum Gebrauche des Wörterbuchs erklärten. Sie wünschten daher, daß bei neuen Auflagen alle Verbesserungen und Zusätze dem Hauptwerke selbst am gehörigen Orte einverleibt würden. Diesem Wunsche schloß sich auch die Verlagshandlung an. Wiewohl nun dadurch die Arbeit sehr vermehrt wurde, indem sie sich nicht mehr auf einen Band beschränkte, sondern auf alle Bände ausdehnte: so glaubt‘ ich doch diese Arbeit nicht scheuen zu dürfen, weil dadurch das Wörterbuch wirklich an Brauchbarkeit gewinnen musste. Damit aber die Besitzer der ersten Auflage nicht einen Vortheil verloren, der ihnen einmal zugesichert worden: so hat sich die Verlagshandlung verbindlich gemacht, die Verbesserungen und Zusätze zur zweiten Auflage (wenigstens die bedeutendern und solche, die nicht bloß die Worte, sondern auch die Sachen betreffen) in einem besondern Abdrucke nachzuliefern. Dieser Abdruck wird daher entweder zugleich mit vorliegendem Bande oder bald nach demselben als des fünften oder Supplement-Bandes zweite Abtheilung erscheinen.
Noch sei mir vergönnt, ein paar Worte über den von diesem Wörterbuche zu machenden Gebrauch zu sagen. Denn ich finde, daß Manche, durch falsche Ansichten verleitet, unstatthafte Foderungen an den Verfasser gemacht haben. Ein sonst verständiger und wohlwollender Beurtheiler meinte, ich hätte dem Wörterbuche eine Anweisung beigeben sollen, in welcher Ordnung die einzelen Artikel desselben zu lesen seien, um beim Durchlesen die alphabetische Ordnung (die doch eigentlich eine Unordnung sei, weil sie der bloße Zufall der Anfangsbuchstaben bestimme) wieder in eine systematische Ordnung zu verwandeln. Ein solcher Wunsch ist aber durchaus unerfüllbar. Denn ein Wörterbuch ist gar nicht zum Durchlesen bestimmt, sondern bloß zum Nachschlagen. Wie daher Niemand ein sprachliches Wörterbuch durchlesen soll, um so die Sprache zu erlernen, was gar nicht möglich: so soll auch Niemand ein wissenschaftliches Wörterbuch durchlesen, um so die Wissenschaft zu erlernen, was eben so wenig möglich ist. Nur Raths soll man sich daraus erholen in solchen Fällen, wo man eben einer Belehrung über einen einzelen Gegenstand der Wissenschaft bedarf. Weil nun aber in der Wissenschaft, besonders in der Philosophie, alles mit einander zusammenhangt: so ist im Wörterbuche überall auf die zunächst verwandten Artikel verwiesen worden. Diese müssen daher allerdings zugleich mit gelesen werden. Wer z. B. den Artikel Todesstrafe mit Nutzen lesen will, der wird wenigstens die Artikel Strafe und Strafrecht vergleichen müssen, um den wissenschaftlichen Zusammenhang des Bedingten mit dem Bedingenden seinem Bewusstsein möglichst zu vergegenwärtigen. Eben: darum wünsch' ich, daß man in vorkommenden Fällen nicht etwa bloß die Artikel Gott, Kirche, Pflicht, Recht, Religion, Staat, Tugend &c. lese, sondern auch die nächstfolgenden, welche die mit jenen einfachen zusammengesetzten Wörter betreffen, sowie diejenigen Artikel, auf welche darin verwiesen worden, um Befriedigung zu finden. Indessen lassen sich auch hierüber keine allgemeine Vorschriften geben. Jeder Leser richte sich dabei nach seinem Bedürfnisse, nach seiner Zeit, oder auch nach seiner Laune. Denn die Lesewelt hat ihre Launen so gut, wie die Menschenwelt überhaupt. Und darum wird es ihr auch nie ein Schriftsteller ganz zu Danke machen. Was dem Einen schon zu viel ist, wird dem Andern noch zu wenig sein - u. s. w.
Einen andern Gebrauch von meinem Wörterbuche möcht' ich freilich gern verbitten. Es wird aber nichts helfen. Ich habe nämlich schon gefunden, daß man Artikel wörtlich ausgeschrieben, ohne das Wörterbuch auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Das ist freilich nichts andres als Plagiat, also eben so unrecht, fast noch mehr, als der Nachdruck. Was hilft es aber, gegen Ausschreiben und Nachdrucken zu eifern? Die Herren Ausschreiber und Nachdrucker thun doch, was sie wollen, wenn kein positives Gesetz ihr böses Gelüsten zügelt, fremdes Gut als eignes zu behandeln. Also schweig' ich lieber und ergebe mich in mein Schicksal. -
Geschrieben zur Ostermesse in Leipzig 1833.
Krug.
*) Diese Vorr. enthält zum Theil auch dasjenige, was in der Vorr. zum 4. B. der 1. Aufl. gesagt war und sich auf das Wörterbuch im Ganzen nach dessen ursprünglichen Einrichtung und Bestimmung bezieht, da dieselbe durch die 2. Aufl. nicht verändert worden.
**) S. die Artikel: A - fortiori, Abercrombie*, Achtsamkeit, Adiastasie, Adikopolitik*, Akrologie vergl. mit Afrosophie, Algeber, Alles für, nichts durch das Volk, Alles ist in Allem, Alletz, Allthier, Angelus Silesius, Antediluvianische Weisheit, Anthroponomie, Untikategorem*, Antireformers, Antisophist*, Antiunionisten, Argyrokratie, Aristides, Armenische Philosophie, Arria, Aschenbrenner*, Aulismus, Ballanche, Basilagog, Belehrung, Bene vixit, bene qui latuit, Besser, Biotomie, Biunde, Böttiger, Brachybiotik , Bußsystem, Caesar non supra grammaticos, Caraccioli , Corpus delicti, Corpus juris, Cothurnata philosophia, Dämonomagie, David, Dekalog, Deuteronomie, Deuteroskopie, Devolution, Diandogonie, Dikäarchie und Dikäokratie, Doney, Doxologie, Dutois, Einkommen*, Einwohnung*, Einzeugung*, Enkomiastik, Epiphonem, Epuration, Ertrag*, Eukärie, Exergasie, Exotikomanie, Fabre d'Olivet, Favoritismus, Feuillantismus, Filsuf, Franklin, Gastromantie und Gastromythie*, Gefahr, Genesialogie, Genty, Genuin, Geomantie, Gessner, Glatz, Glaubenshelden, Gnadenreich, Göschel, Gott der Götter*, Gottesbild, Gottesmord, Grammatologie, Griepenkerl, Grossprecherei und Großthuerei, Grundbaß, Gruppe, Heibenreich, Heliolatrie*, Helotismus, Hennings, Hermes*, Hermipp, Historikotheologie, Hochsinn, Homöobiotik*, Iatrosophie, Ideokratie*, Jehovismus, Imperialismus, Infernal, Inhabilität, Jouffroy, Jovismus, Irrwahn, Isopathie*, Kakozelie, Kapnosophie, Kapp, Kirchencerimonien oder Kirschengebräuche, Klinger, König oder Königsfeld*, Kosmoram, Lebensfrage, Lebensgefährlich, Legist, Lerminier, Logaster*, Logogriph, logologie, Magnificenz und Munificenz, Maine de Biran, Männereeen, Menschengröße, Mercier, Meristik, Metusie, Michelet, Misaretie, Misotheie oder Theomisie, Molecülen, Molitor, Monosyllogismus, Möser, Mundan und Mundanismus, Mystosophie*, Nemesis, Nemo gratis malus, Nihil habenti nihil deest, Nomarchie und Nomokratie, Nomen und Nomenclator, Nomographie, Nomologie und Nomomathie, Non bis in idem, Non quaero intelligere etc., Notiologie (verbunden mit Rotion), Notorisch, Nulla poena sine lege, Nüßlein (Fr. Ant. und Geo.), Octroirt, Oekumenisch, Omne eus est unum etc., Omne vivum ex vivo, Orthobulie und Orthopraxis, Pacification, Pädeutik, Paganismus*, Panegyrikus, Panekklesiasten, Panlogismus, Pannomie, Pantarchie, Pantokosmus, Parachronismus*, Paralysiren, Parergen, Pariser Phiosophie, Paronomasie, Pastoret, Pauperismus, Pax et justitia sorores*, Pennalismus, Per quod quis peccat etc., Pfründe und Präbende, Philatetie und Philokerdie, Philosophisches Ei, Philosophischer Friede, Philosophisches Leben*, Philosophisches Spiel, Photo-latrie, logie, misie, philie, phobie und sophie, Poleophylaktit, Polykoranie oder kyrie, Polynomie, Prärogativen, Propolitisch, Prinzenerziehung, Protogea*, Pseudoliberalismus, Pseudologie und Pseudomantie*, Psychagogik, Psychogonie, Psychomachie, Psychometrie*, Püllenberg, Punitur etc., Pyromantie, Qui non vult intelligi etc., Quod in subjecto est implicite etc., Recapitulation, Recusation, Religionsparteien, Reprotestation, Reviviscenz, Romagnosi, Rosenkranz, Royalismus, Sacropolitik*, Schaukelsystem, Scheidler, Schemen, Schmidt (Ed.), Schulmonarch, Schulphilosophie, Schulrecht, Sechster Sinn, Siderokratie, Simon oder St. Simon, Simonie, Sinecurismus, Situation, Sitz und Stimme, Soldcisten, Sondergeist, Sonne, Spaziergang, Staatsgrammatik, Stagirit, Standeserhöhung, Stat, Statt oder Stätte, Stattler, Suggestivfragen, Superklug, Supramundan, Supremat, Sustine et abstine, Teleskopie, Semperamentsfehler, Zemporisiren, Territorium, Tetrade, Theodemokraten, Ttelematologie, Theobier, Theomachie, Theomagie, Theopragie, Theopsychie, Thierprocesse, Thierquälerei, Thurot, Titel, Tochter, Tugendbund, Jugendliebe, Ubi periculum, ibi lex, ueberweltlich, umbreit*, Unbegründet, Unbekannt, Unerforschlich, Unideismus, Uniformisten, Universalmenstruum, Universalphilosophie, Universalunterricht, Upham, Urgeschichte, Urich oder Urselbst, Urlicht, Urseele, Urunendlich, Urwille, Vag, Verfluchungen oder Verwünschungen*, Verhütungstheorie, Vernunftgrund, Vernunftleben, Verweltlichung, Verzärtelung, Verzerrung, Verziehung, Verzweigung, Veto*, Volksdespotismus, Volksjustiz, Volksephilosophie, Volksredner, Volksversammlung, Voluntas hominis est ambulatoria, Vorbedacht, Vorliebe, Vorwissen, Warnen, Wortwechsel, Zeitgenossen, Zeitfluß, Zeitinbegriff, Zeitlauf, Zeitlinie, Zeitmoment, Zeitordnung, Zeitpunct, Zeitreihe, Zeitveränderung, Zeitverlust, Zerrbild, Zoonomie, Tzetzes. - Die mit einem * bezeichneten Artikel sind am Ende des 4. B. unter den nachträglidhen Zusätzen und Verbesserungen zu suchen, welche erst während des Drucks gemacht wurden und nicht mehr am gehörigen Orte eingefügt werden konnten.
***) Den Männern, welche mich mit Beiträgen sowohl zur 1. als zur 2. Aufl. versehen haben, wie die Herren Aschenbrenner, Erhardt, Kapp, Neubich, Salat, Weiß, Wendt u. A., sage ich dafür den verbindlichsten Dank.
Bd. 4 (1834), S. V-XII.