Enzyklothek
Cover für Conversations-Lexikon zum Handgebrauch

Köhler, Karl Friedrich (ed.)

Conversations-Lexikon zum Handgebrauch

Oder encyklopädisches Realwörterbuch aller Wissenschaften, Künst und Gewerbe
1 Volume
Leipzig; Weichardt 1846

Language

  • german

Parallel title

  • Kleineres Conversations-Lexikon
  • Conversations-Hand-Lexikon
  • Conversations-Lexikon zum Handgebrauch

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Vorwort.

Als uns der Antrag ward, die Bearbeitung einer neuen Ausgabe des ,,Conversations. Lerikons für den Handgebrauch“ zu übernehmen, machte uns besonders der Umstand zur Bereitwilligkeit geneigt, daß dem Werke schon bei seinem ersten Erscheinen im Jahre 1813, mehr noch bei den folgenden Auflagen die Gunst des Publicums freundlich entgegengekommen war. Es schien nur erforderlich, einem alten Bekannten Gelegenheit zu geben, was er seit seinem letzten Erscheinen erlebt und erfahren, was ihn die Zeit oder das Nachforschen gelehrt, auszusprechen, um ihm dieselbe willkommene Aufnahme zu sichern. Hier einige Zusätze, dort einige Nachträge schienen zu diesem Zwecke zu genügen. Wie bald schwand diese Täuschung! Zwar liegt zwischen der letzten und der neuen Bearbeitung nur ein Zwischenraum von etwa 15 Jahren, aber welche Bewegungen, welche Umgestaltungen drängen sich in ihm auf dem Gebiete der Wissenschaften wie auf dem des öffentlichen Lebens zusammen, wie viel höher hat sich selbst der Standpunkt des Publicums, wie viel höher haben sich mit diesem die Anforderungen an ein solches Werk gestellt! Sollte diesem genügt werden, so mußte nicht nur der Umfang des Lexikons bedeutend erweitert, es mußte auch die Tendenz der Bearbeitung eine wesentlich andere werden, mit einem Worte, das Werk mußte nach Inhalt und Form ein durchaus neues werden. Als solches, wie es sich denn auch als eine vierte, gänzlich umgearbeitete Auflage ankündigt, wünschen wir es beurtheilt zu sehen. Hierfür bieten wir Einiges, was den Unterschied der frühern und der gegenwärtigen Bearbeitung zusammenfaßt, als leitende Gesichtspunkte an. Die bloßen Worterklärungen, die sich häufig im Zirkel bewegten und weil sie selten das Wesentliche mit scharfer Abgrenzung hinstellten, für wahre Belehrung fruchtlos waren, mußten um so mehr entfernt werden, da ihre Aufnahme als Hohn für unsere fortgeschrittene Bildung hätte klingen müssen. In Lexika, die vermessen genug sind, über Alles, selbst über alles nur Erdenkliche Auskunft und Belehrung zu versprechen, mögen diese passen, bei uns durfte für die Aufnahme nur entscheiden, ob etwas wissenswerth, ob es den Bedürfnissen der Zeit entsprechend sei. Alles Uebrige, besonders Ausdrücke, die nur einem einzelnen Zweige des praktischen Lebens oder der Technik einer abstracten Wissenschaft angehören, und wahrscheinlich nie in der gebildeten Conversation Anwendung finden, mußte über Bord geworfen werden. Nur gegen Fremdwörter, die sich in der Umgangs- oder Geschäftssprache festgelegt und den Unsern durchaus nicht allgemein verständlich sind, ist schonender verfahren worden. Der auf diese Weise gewonnene Raum ward für Geographie, Biographie, Technologie, Geschichte &c. verwendet, Gegenstände, die in den frühern Auflagen theils gar nicht, theils höchst ungenügend berührt worden waren. Hier war Alles neu zu schaffen, und ist durch die Erweiterung selbst dem Buche kein nutzloser Dienst erwiesen worden, so hoffen wir auch, daß er es noch weniger durch die Grundfätze geworden ist, von denen wir uns hierbei leiten ließen. So sind zu sämmtlichen geographischen Artikeln die zuverlässigsten Quellen des In- und Auslandes zu Rathe gezogen worden, während zu vielen eigene Anschauung das Material lieferte. Ist es nicht überall gelungen, ein gerundetes Ganze, ein lebendiges Bild vor das Auge des Lesers hinzustellen, so trägt weniger unser Wille die Schuld, als die Schwierigkeit, das eigenthümliche Localgepräge in wenig Worten vollständig abzuspiegeln. Desto zuversichtlicher weisen wir auf die Genauigkeit in Angabe des rein Aeußerlichen, der Statistik der Bevölkerung, des Handels, der Industrie hin, welche durchaus officiellen Berichten entlehnt sind. Um hierbei keinerlei Unsicherheit Raum zu geben, schien es räthlich, das Jahr beizufügen, für welches unsere Angabe gilt. Findet sich dieses nicht, so lagen keine officiellen Nachweisungen zu Grunde. Alle geographische Namen aufzunehmen, lag natürlich außer dem Bereiche des Werks; eine Grenze mußte gezogen werden, für Deutschland weiter, enger für das Ausland. Für letzteres galt der Grundsatz, die größern Städte, bis zu 10,000 Einwohnern herab, aufzuführen, kleinere nur, sobald sich ein geschichtliches oder ein anderes allgemeines Interesse an sie knüpfte. Literarische Nachweisungen durften nach unserer Ansicht bei den größeren Artikeln nicht fehlen, wir glauben sie in richtiger Auswahl aus der in- wie ausländischen Literatur beigebracht zu haben. Fast dieselben Gesichtspunkte entschieden für die Behandlung der Biographien. Hier gestehen wir jedoch, die Sichtung vielleicht nicht weit genug getrieben zu haben. Während die Ausländer fast in lückenloser Reihe einen Platz gefunden, dürfte mancher Deutsche von gleicher Bedeutung, von vielleicht größerem Verdienst vermißt werden. Doch klage man uns nicht allzu hastig an. Das Ausland, in stolzer Anerkennung der Männer, die im Leben und durch ihr Wissen sich und ihr Volk geehrt, hat sie dankbar in seine Annalen eingetragen, ihnen in Schrift und Stein bleibende Denkmale gesetzt, Deutschland, nicht weniger dankbar, aber bescheidener, trägt sie in liebendem Herzen, in der stillen Tiefe des Gemüths, ohne zu bedenken, daß die Tradition des Gefühls vag ist und unbestimmt. Für fremde Biographien haben wir daher aus bändereichen Werken schöpfen können, während für viele Deutsche es durchaus an Quellen gebrach. Aus denselben Werken fanden wir, hatten unsere Vorgänger geschöpft, daher unsere theilweise Uebereinstimmung. Aber öfters hatten sie ungenau, mit offenem Mißverstehen des Sinnes geschöpft, daher unsere Abweichungen, die zugleich ebensoviel Berichtigungen sind. Dies gilt für die französischen, in größerem Umfange für die englischen Biographien. An trockenem, durchaus unfruchtbarem Nachweise äußerlicher Lebensmomente jedoch konnte uns nicht Alles gelegen sein; die Eigenthümlichkeit des Mannes, sein Charakter, sein Wirken, sein Einfluß auf die Zeit, dies hervorzuheben, schien uns von höherer Wichtigkeit. Wir glauben es für den Kundigen gethan zu haben ohne Rückhalt, zwar mit Milde, aber der Achtung gemäß, welche die Wahrheit verlangt. Bei Persönlichkeiten freilich, welchen der ausgeprägte Charakter fehlte, mußte das charakterisirende Wort fehlen; bei andern ist die Erzählung des äußern Lebens so gruppirt worden, daß das rechte Wort ohne weitere Andeutung von selbst im Leser hervorspringt. Daß wir in unserem Urtheil, das sich am Ende in den meisten Fällen nicht auf nähere Beobachtung und unmittelbare Anschauung gründen konnte, zuweilen fehlgegriffen, ist ebenso erklärlich wie gewiß, und wir rechten mit Niemand, den ein tieferes Studium zu einer andern Ansicht geführt hat. Zum Leben des Gelehrten &c. bilden seine Schriften den besten Commentar, oft ist dies ganz in denselben enthalten; es durften daher literarische Nachweisungen nicht fehlen. Diese dürften um so willkommener sein, da sie neben der möglichen Ausführlichkeit den Vorzug der Genauigkeit besītzen und die weniger zugängliche ausländische Literatur bis herab auf die Schwelle der Gegenwart beibringen. Im Interesse des größern Publicums mußte gleichfalls die Aussprache fremder Eigennamen, so wie der Fremdwörter überhaupt beigeschrieben werden, eine stets mißliche Sache, da sich der fremde Laut nie treu durch Schriftzeichen darstellen läßt. Zwar schwebte uns stets in Beziehung auf französische, englische, spanische und portugiesische Namen der Laut vor, den wir von den Eingebornen meist in eigenem Lande vernommen hatten, aber wo wir, um diplomatisch treu zu sein, zu künstlichen Bezeichnungen unsere Zuflucht hätten nehmen müssen, haben wir uns mit einer weniger genauen Angabe begnügt. Einen nicht minder umfänglichen Stoff wie Geographie und Biographie führte uns die Industrie zu, worauf mit Ausnahme des Bergwerksfachs die frühere Ausgabe keine Rücksicht genommen hatte. Aber es hieße die Gegenwart verkennen, diesen in unsern Tagen an den Naturwissenschaften wunderbar erstarkten Hebel des Völkerlebens außer Acht zu lassen. Es kam aber nicht blos darauf an, den Laien einen klaren Ueberblick der vielverzweigten Fabrikthätigkeit zu geben, sondern auch die neuesten und erprobtesten Verfahren, wenigstens dem Wesen nach beizubringen. Haben wir in beider Beziehung billigen Ansprüchen entsprochen, so verdanken wir diesen Erfolg besonders den Schriften des Engländers Ure und des Franzosen Payen.
Wenn es in unserer Absicht gelegen hätte, die Erweiterung des Conversations-Lecikons auf die genannten Fächer zu beschränken, so begreift man schon, wie viel des Neuen hinzuzufügen, zu sichten und zu verarbeiten war. Allein kein Zweig des Wissens, des empirischen wie des theoretischen, sollte ausgeschlossen, kein Gegenstand, der unser jetziges Völkerleben bewegt oder die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen vorzugsweise beschäftigt, übersehen werden. Welche erdrückende Fülle des Stoffs! Wie ihn innerhalb der gesteckten Grenzen bewältigen! Wie Selbstüberwindung genug finden, das mühsam herbeigeschaffte Material nur den wichtigsten Momenten nach, nur im wesentlichen Auszuge zu geben! Wie stets den richtigen Takt bewahren, nur das Erforderliche herauszufühlen und es nur in der erforderlichen Ausdehnung zu geben! Wir gestehen, hier lag die große Schwierigkeit. Haben wir sie nicht überwunden, so haben wir mit ihr gerungen. Was durch Kürze, ohne der Deutlichkeit, durch Gedrängtheit, ohne der Klarheit Abbruch zu thun, zu erreichen war, haben wir redlich erstrebt. Ein einziges Wort mußte oft zum Mittel dienen, um kundigen Leser eine ganze Reihe von Begriffen und Thatsachen hervorzurufen; wo das Wort zu viel war, mußte sich die Darstellung selbst zum Träger des Wortes machen. Diese Kürze war eine Nothwendigkeit, ist vielleicht ein Verdienst, aber sie kam uns schwer an, wenn sie dem Tadel diente, denn kurze Worte, wie kurze Waffen schlagen die tiefsten Wunden.
So übergeben wir denn getrost das Werk einer billigen Kritik, um so getroster, da die Beurtheilungen der geachtetsten Blätter, die uns bis jetzt zu Gesicht gekommen, sich über die einzelnen Hefte wohlmeinend und anerkennend ausgesprochen haben. Mögen ihre Winke in ihren Wirkungen auch ferner den Pfeilschüssen gleichen, die nach der Sage der nordamerikanischen Indianer der Gott Messu gegen die dürren Baumstämme abschoß, welche durch jene wunderbare Wunde wieder belebt von Neuem sich mit grünen Zweigen und mit Früchten bekleideten. Mögen die Aufopferungen, die uns das Werk kostet, wenigstens dein deutschen Publicum zu Nutze kommen.
Altenburg am 20. März 1846.
Die Redaction
Dr. Karl Friedrich Köbler.
Bd. 1 (1846), S. III-VI.