Die Gegenwart
Eine encyklopädische Darstellung der neuesten Zeitgeschichte für alle Stände
12 volumes
Leipzig; Brockhaus 1848-1856
Volume division
Bd. 1. 1848
Bd. 2. 1849
Bd. 3. 1849
Bd. 4. 1850
Bd. 5. 1850
Bd. 6. 1851
Bd. 7. 1852
Bd. 8. 1853
Bd. 9. 1854
Bd. 10. 1855
Bd. 11. 1855
Bd. 12. 1856
Table of Contents
Bd. 1. 1848
Bd. 2. 1849
Bd. 3. 1849
Bd. 4. 1850
Bd. 5. 1850
Bd. 6. 1851
Bd. 7. 1852
Bd. 8. 1853
Bd. 9. 1854
Bd. 10. 1855
Bd. 11. 1855
Bd. 12. 1856
Der Geist aber, der die Zeit bewegt und unter dessen Leitung wir an die Ausführung unsers Unternehmens gehen, ist kein anderer als jener freie Geist, der sich im individuellen Leben als die sittliche Selbstbestimmung, im Verhältnisse zu andern als der Humanismus, als die absolute Anerkennung der Menschenwürde, des Menschenrechts ausweist.
"Vorwort.
Die entschiedene Theilnahme, welche das Publicum unsern beiden frühern encyklopädischen Bearbeitungen der Zeitgeschichte, dem „Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur" von 1832—34 und dem „Conversations-Lexikon der Gegenwart" von 1838— 41, erwies, hat uns nicht verkennen lassen, wie sehr dergleichen Darstellungen dem lebendigen Wissensdrange und dem praktischen Bedürfnisse der Zeitgenossen entsprechen. Wir faßten darum schon längst den Entschluß, die encyklopädische Behandlung des zeitgeschichtlichen Lebens von Zeit zu Zeit zu erneuern, und versprachen auch am Schlusse des „Conversations-Lexikon der Gegenwart", daß wir später, zu geeigneter Zeit und in geeigneter Form, den abgebrochenen geschichtlichen Faden wieder aufnehmen würden. Seitdem hat sich bei dem reißenden Aufschwunge der Geister, dem heißen Kampfe der Principien und Parteien und der unermeßlichen Anhäufung der Thatsachen das Bedürfniß nach übersichtlicher und organischer Erkenntniß Dessen, was die Zeit bewegt und was dieselbe hervorbringt, nur noch gesteigert. Namentlich geben hiervon die Bemühungen der periodischen Literatur, die Resultate der Wissenschaft und des Lebens möglichst zusammenhängend und im Ganzen zu erfassen, ein sprechendes Zeugniß. Diese Wahrnehmungen veranlaßten uns bereits gegen das Ende des vorigen Jahres, die Vorbereitungen zur Ausführung des gegenwärtigen Unternehmens zu treffen, das sich als eine selbständige Darstellung der Ideen und Thatsachen, welche das geschichtliche Leben der Gegenwart bilden, seinen beiden Vorläufern anschließt, zugleich aber auch bestimmt ist, unserm Hauptwerke, dem zum neunten male regenerirten „Conversations-Lexikon", als Supplement zu dienen.
Hätten wir nicht, als wir uns diesen Vorbereitungen unter dem schwülen Drucke der politischen Atmosphäre zuwandten, das Herannahen einer großen Katastrophe mit Jedermann gefühlt und geahnt, gewiß, wir würden bei dem Durchlaufen der Materien, der Gliederung des Stoffes und der Feststellung der Zeitfragen haben begreifen müssen, daß die europäische Welt am Vorabende eines gewaltsamen Bruches stehe. Da gab es überall drohende Spannung, bittere Kritik, verhaltenen Zorn gegen bestehende Gewalten, und Widerstreit der Bildung und des Bedürfnisses mit den bestehenden Zuständen. Auf den Gebieten der Wissenschaft, der Religion und der Kirche die Foderung nach freier Bewegung, gegenüber dem alten Dogma und der Tyrannei beschränkter Köpfe und jesuitischer Staatsmänner. In der Staatenpolitik das Erwachen und der Zug der verletzten Nationalitäten, gegenüber dem abstracten, auf das dynastische Interesse gegründeten Staatensysteme des Wiener Congresses. Im innern Staats- und Rechtsleben die heißesten Anstrengungen des Volks, die Theilnahme an Gesetzgebung und Rechtssprechung in Wahrheit zu gewinnen, gegenüber einer überweisen Bureaukratie und einer unbeugsamen, verblendeten Autokratie, die ihre Gewalt auf Bayonnete stützte und sich, im Widerspruche mit ihrem Princip, an die Reste des Feudalstaats anklammerte. In der bürgerlichen Gesellschaft die Wunde von arm und reich; industrielle Überproduction und Luxus verbunden mit der Noth, der Verkümmerung, der Besitzlosigkeit der arbeitenden Massen; die Ideen von persönlicher Freiheit und Gleichheit im Widerspruche mit der absoluten Macht des Capitals und den Privilegien der Erbaristokratie. Über diesen socialen Wirren aber stand eine öffentliche Verwaltung, welche ohnmächtig und ungewillt war, zur Herstellung einer Harmonie die Hand zu bieten, die durch ihre Staatsökonomie die Verwickelungen der Privatwirthschaft steigerte, die zur Stützung ihres Systems unermeßliche Lasten festhielt und außerdem den öffentlichen Pfennig durch Anleihen auf Generationen hinaus in voraus verbrauchte. Diese gährenden Elemente, diese moralischen und ökonomischen Verlegenheiten traten uns allenthalben in den epochemachenden Völkern und Staaten Europas entgegen und gewährten uns einen tiefen Blick in die Zeitgeschichte, sowie in die Schwierigkeiten unsers Unternehmens.
Wir waren noch mit einer letzten Sichtung des Stoffes und der Vertheilung desselben an die Mitarbeiter beschäftigt, als im Februar dieses Jahres in Frankreich das große Ereigniß hereinbrach, das die politische und sociale Ordnung des alten Europas in den Grundfesten erschütterte, dem noch in diesem Augenblicke eine Mauer, eine Säule, ein Stein nach dem andern nachstürzt, dessen letzte gewaltsame Wirkungen, qualitativ und quantitativ, jetzt noch durchaus unberechenbar sind. Natürlich verrückte die Revolution, zumal die Umwälzung in Deutschland, sogleich auch unsere friedlichen Cirkel. Wir standen im Begriff, uns mit der ganzen Reihe von Principien, Fragen, Wünschen abzumühen, um welche sich die Presse und die öffentliche Tribüne schon seit Jahren vergeblich abgemüht hatte. Wir wollten die Sache der Freiheit und des Fortschritts mit all dem Doctrinairismus und der weitschichtigen Dialektik vertheidigen, die uns die Rechtlosigkeit der Presse, die Sophistik der Reactionaire und die scheinbare Unreife der großen Masse auferlegten. Allein die meisten dieser Streitfragen erhielten nun factisch ihre Lösung, und die Principien, um die wir streiten wollten, wurden sogar als die leitenden Grundsätze der künftigen Ordnung proclamirt, und mußten darum in unserm Plane eine andere Stellung und eine andere Behandlung erhalten. Auch sanken die Ereignisse und Persönlichkeiten, die vormals im Vordergründe standen, nothwendig in ihrer Bedeutung und konnten nur noch im Zusammenhange des Ganzen und als die Zeichen und Vorläufer der Bewegung belehren und interessiren.
Dazu kam unsere eigene Aufregung und Hingabe an die Ereignisse, sowie bei den Mitarbeitern die Unmöglichkeit, in dem Sturze der Begebenheiten sich der ruhigen Betrachtung zu widmen. Viele unserer Mitarbeiter, welche zum Theil dem Kreise jener vormals unbeliebten Männer angehören, die den Pulsschlägen der Zeit mit besonderer Aufmerksamkeit lauschten, suchten das Studirzimmer mit der Tribüne oder wol gar die Feder mit dem Degen zu vertauschen. Unter solchen Verhältnissen sahen wir uns genöthigt, mit der Ausführung des Unternehmens für den Augenblick wenigstens zu zögern. Der gestellten Aufgabe gemäß mußten wir uns schon hüten, dem Werke durch ein unzeitiges Auffassen der Ereignisse den Charakter eines Tagesblattes aufzudrücken, das den Inhalt der Zeitgeschichte nur fragmentarisch und unter dem flüchtigen Eindrucke des Augenblicks geben kann. Außerdem mußten wir Zeit gewinnen, um die Stoffe aufs neue zu gliedern, und um nur einigermaßen eine Perspective für die Darstellung der jüngsten Geschichte zu erhalten. Endlich aber konnte uns nicht entgehen, wie wenig das Publicum in den Wirren des Augenblicks Muße haben würde, sich dem Genusse wissenschaftlicher und künstlerischer Resultate, sowie dem Studium und der Betrachtung der Zeitverhältnisse hinzugeben.
Sind jetzt alle die Bedenklichkeiten gehoben, die uns vor einigen Monaten abhielten, unser Unternehmen der Öffentlichkeit zu übergeben? Niemand wol wird diese Frage bejahen. Wir vertrauen dem Geiste, der das Alte in den Staub stürzt und sich durch die Trümmer den Weg zur neuen Lebensordnung bahnt; aber die Arbeit ist noch nicht vollbracht, und Wer kann wissen, ob sie nicht unter wiederholten Stürmen und gewaltigen Katastrophen vollbracht werden muß, die das Gemüth und den Sinn aufs neue und mehr als je verirren! Indessen erblicken wir jetzt die Richtung der Fäden, an welchen hin sich die elektrischen Strömungen der Zeit bewegen, und haben damit gewissermaßen wol einen Standpunkt gewonnen. Wir haben uns zugleich mit gediegenen, erprobten Männern umgeben, die den Beruf in sich tragen, diesen Zeitströmungen zu folgen. Wir wollen uns auch das sittliche Verdienst nicht entgehen lassen, mit unter den Ersten zu sein, die dem deutschen Volke die Errungenschaften der Gegenwart im Geiste und in dem freien Stile der Zeit vor das Auge stellen.
Der Geist aber, der die Zeit bewegt und unter dessen Leitung wir an die Ausführung unsers Unternehmens gehen, ist kein anderer als jener freie Geist, der sich im individuellen Leben als die sittliche Selbstbestimmung, im Verhältnisse zu andern als der Humanismus, als die absolute Anerkennung der Menschenwürde, des Menschenrechts ausweist. Dieser humane Geist ist es, der das Recht der Lehrfreiheit, der Preßfreiheit, der Glaubens- und Cultusfreiheit in Anspruch nimmt; der im socialen Leben Jedem den Genuß der allgemeinen Lebensgüter zuerkennt; der in der Politik der Völker die Nationalitäten geachtet wissen will; der im Staatsleben die Befreiung vom Polizeidruck, von dem Geburtsprivilegium und der autokratischen Willkür fodert und die Theilnahme an Ausübung der Staatsgewalt als den höchsten Act der sittlichen Lebensäußerung betrachtet. Mit diesem humanen Geiste werden wir gewiß auch inmitten der Wirren und Stürme des Tages die Besonnenheit und jene vernünftige Ruhe bewahren, die zu tieferer Beurtheilung der Parteien und Persönlichkeiten erfoderlich ist, und deren Mangel unsere Aufgabe verrücken und die universelle Tendenz des Werkes gefährden würde.
Möge das Unternehmen, das unter umfassenden Vorbereitungen und mit Ernst und Liebe begonnen wird, die Theilnahme des Publikums, und hiermit Raum für eine edle Wirksamkeit gewinnen!
Leipzig, 15. Mai 1848."
Bd. 1 (1848), S. V
VIII.
Bd. 1 (1848), S. V-VIII.
Das neue deutsche Drama.
Bd. 7 (1852), S. 1.
Die Wissenschaft der Nationalökonomie seit Adam Smith.
Bd. 7 (1852), S. 108.
Die Geologie auf ihrem gegenwärtigen Standpunkte.
Bd. 7 (1852), S. 334.
Das russische Staatsleben.
Bd. 7 (1852), S. 365.
Der Socialismus in Deutschland.
Bd. 7 (1852), S. 517.
Die Statistik auf ihrer jetzigen Entwickelungsstufe.
Bd. 7 (1852), S. 651.
